Inklusion durch KI

„So schlecht war es um die Inklusion in Österreich eigentlich nicht bestellt“, sagt Klaus Höckner. „Das größte Problem ist – wie so oft – der Föderalismus.“ Wien habe historisch mehr Leistungen finanziert als andere Bundesländer, auch im Bereich der Unterstützungen für Menschen mit Behinderungen. „Jetzt besteht die Gefahr, dass die Rückschritte im Sozialsystem zu noch größeren Verwerfungen führen. Jede Kleinigkeit, die man irgendwo wegschneidet, öffnet an anderer Stelle die Schere weiter.“
Schere öffnet sich durch Sparmaßnahmen
Er beschreibt Beispiele aus der Praxis: In manchen Bundesländern erhalten Kinder mit Blindheit nur dann assistive Technologien, wenn sie diese nicht privat nutzen – nicht einmal für Hausübungen. „Da reden wir insgesamt über 60.000 bis 120.000 Euro pro Jahr. Das ist nicht viel Geld – aber die Auswirkungen sind enorm.“
Viele Menschen seien deshalb nach Wien gezogen, weil sich das verfügbare Einkommen durch bessere Förderungen deutlich erhöhe. Eine Bekannte, die im Rollstuhl sitzt, habe für den notwendigen Auto-Umbau in Tirol gar nichts bekommen – in Wien hingegen wurde der Umbau finanziert. „Jetzt aber erleben wir drastische Sparmaßnahmen – auch in Wien.“
Was bedeuten die aktuellen Sparmaßnahmen für Betroffene?
„Diese Sparmaßnahmen bedeuten echte Lebenseinschränkungen.“ Ob jemand ein Auto umbauen lassen kann oder nicht, entscheidet über Mobilität – und Mobilität entscheidet über Teilhabe. Gleiches gilt für Gebärdensprachdolmetschung oder Hilfsmittel.
„Das wird oft nicht verstanden. Ein Hilfsmittel ist nicht wie ein Gerät, das man einfach hinstellt. Menschen brauchen Unterstützung, vergleichbar mit gut passenden Schuhen. Eine Lupe reicht manchen – andere brauchen spezialisierte Software oder Braillezeilen. Das sind große Unterschiede.“
Seine größte Sorge: die zunehmende soziale Vereinsamung. „Wenn Einschnitte dazu führen, dass Menschen nicht mehr hinausgehen können, dann ist das das Schlimmste. Die Vereinsamung nimmt wieder zu.“
Die Hilfsgemeinschaft selbst ist weniger stark betroffen – allerdings aus einem klaren Grund. „Wir haben bewusst entschieden, nur sehr wenig staatliche Unterstützung anzunehmen. Damit sind wir in Situationen wie jetzt weniger abhängig.“ Trotzdem spürt auch der Verein die Entwicklungen: Eine kleine jährliche Förderung von rund 28.000 Euro für die Beratungsabteilung – in der neun Personen beschäftigt sind – wurde „von heute auf morgen eingestellt“.
Höckner sorgt sich vor allem um jene, die zusätzlich in einer prekären Lebenssituation sind: „Menschen mit Behinderungen landen nicht einfach auf der Straße. Außer sie sind Geflüchtete oder z.B. subsidiär schutzberechtigt. Dort sind die Einschnitte dramatisch – wenn jemand von 1.200 auf 400 Euro fällt.“
Wie groß ist die Gruppe der blinden und sehbehinderten Menschen in Österreich?
Derzeit gibt es keine aktuellen Erhebungen – die letzte stammt aus 2008. Neue valide Daten werden über das vom Sozialministerium finanzierte Projekt BETESTAT in Kooperation mit Statistik Austria erarbeitet.
Die Orientierung erfolgt aktuell über Schätzungen:
- 9.000–12.000 Menschen sind in Österreich vollblind.
- 320.000–400.000 Menschen leben mit einer so starken Sehbehinderung, dass herkömmliche Sehhilfen wie Brillen nicht mehr ausreichen.
- 2,5 Millionen Menschen tragen in Österreich reguläre Brillen.
„Der Alltag ist ohne geeignete Hilfsmittel oft nicht zu bewältigen – vom Lesen über die Orientierung im öffentlichen Raum bis zur Nutzung digitaler Geräte.“
Technologische Hilfsmittel und die Rolle von KI
Viele Technologien können Menschen mit Sehbeeinträchtigung nachhaltig unterstützen. Höckner nennt Beispiele:
- Apps, die Texte und Umgebungsszenen beschreiben – heute oft bereits KI-gestützt.
- Die App Be My Eyes/Be my AI, in der sehende Personen bzw. KI live über die Smartphone-Kamera assistieren.
- KI-unterstützte Apps, die in Echtzeit Straßennamen oder Produktinformationen erkennen und vorlesen können.
- Unterstützung bei Alltagsfragen wie dem Sortieren gleichfarbiger Socken oder der Erkennung von Banknoten etc.
Auch Hardware entwickelt sich: Von frühen Systemen wie der israelischen OrCam (ca. 5.600 €) bis zu kostengünstigen Modellen wie der neuen Ray-Ban × Meta Brille mit Kameras und integrierten Audiofunktionen für rund 300 €. „Wir erklären unseren Kund:innen, wie die Geräte funktionieren – viele können ja nicht einfach ‚nachgoogeln‘.“
Die Hilfsgemeinschaft betreibt gemeinsam mit der Firma Videbis, dem größten Hilfsmittelhändler Österreichs für sehbehinderte und blinde Menschen, die Versorgung und Beratung – rund 16.000 Kund:innen nutzen diese Angebote.
Höckner spricht auch über positive Nebeneffekte von Hilfmitteln für andere Gruppen: Rollstuhlnutzer:innen etwa profitieren von smarten Brillen, weil sie beim Fotografieren oder Telefonieren beide Hände frei haben. „Aber viele Hilfsmittel entwickeln eine Bedeutung weit über den ursprünglichen Zweck hinaus. Die Fernbedienung wurde etwa für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen erfunden – heute nutzt sie jeder.“
Smartphones seien ein anderes Beispiel: „Als sie aufkamen, war die Sorge groß: ‚Ohne Tasten können wir nie wieder telefonieren.‘ Heute sind Smartphones die wichtigste Assistenztechnologie der blinden Community – man muss nur neue Bedienkonzepte erlernen.“
Welche Rolle wird KI künftig spielen?
„KI ist gekommen, um zu bleiben.“ Höckner sieht großes Potenzial für Verbesserungen im Alltag von Menschen mit Behinderungen. Gleichzeitig mahnt er zu einem bewussten Umgang. „Man darf KI nicht wie eine Person behandeln. Sie ist ein Hilfsmittel – ein mächtiges. Man muss sich immer fragen: Kann das stimmen? Und trotzdem: Die Modelle werden immer besser, auch im Deutschen. Da muss man schon manchmal den Hut ziehen.“


