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Diversity Voices

Dicke keine wertvollen Mitglieder der Gesellschaft?

Bobby Herrmann-Thurner, Plussize Expertin und Buchautorin, fordert im Gespräch mit DIVERSITY Guide-Herausgeberin Marion Breiter-O’Donovan: „Sprecht doch mal mit dicken Menschen und nicht immer über sie!“
Text: Marion Breiter O’Donovan
© Ursula Schmitz
Bobby Herrmann-Thurner, Plussize Expertin und Buchautorin

Plussize Expertin Bobby Herrmann-Thurner berät Unternehmen zum Thema „Mehrgewichtige Mitarbeitende“ und hat vor kurzem ihr erstes Buch herausgegeben. In „Fat Business“ stellt sie sich brennenden Fragen rund um die Akzeptanz von Dicken in Job, Medizin und Gesellschaft.

Bobby, du hast dich dein Leben lang mit dem „Dicksein“ beschäftigt, unzählige Diäten hinter dir. Inzwischen akzeptierst und magst du deinen Körper so, wie er ist. Aus deiner Erfahrung: In welchen Bereichen fühlen sich Dicke am häufigsten ausgegrenzt?

Dicke Menschen werden nicht als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft angesehen. Ob Mode shoppen, Untersuchungen im medizinischen Umfeld, fehlende große Blutdruckmanschetten, nicht passendes Equipment – Dicke werden einfach nicht mitgedacht. Viele nehmen diese Ausgrenzung als selbstverständlich wahr und hinterfragen nicht, man ist es einfach gewöhnt. Deshalb kann ich diese Frage nicht ganz direkt beantworten, Ausgrenzung passiert schlicht alltäglich und viel zu oft.

Welche Erfahrungen hast du persönlich mit Diskriminierung gemacht? Was war dein ein schlimmstes bzw. schönstes Erlebnis, wenn es um dein Gewicht ging?

Die schönsten Erfahrungen sind rasch erzählt: Ich mache sie immer, wenn ich auf die Community treffe – ob bei meinem Second Hand Markt für Plus Sizes, den ich zwei Mal im Jahr veranstalte, oder anderen Events für Mehrgewichtige. Einem anderen dicken Menschen muss man nicht erst erzählen, wie sich der Alltag, das Leben für Dicke anfühlt. Wir wissen es alle, der Austausch tut gut, das gegenseitige Bestärken sowieso. Welche Erfahrungen ich selbst mit Diskriminierung gemacht habe? Ein Beispiel, das ich noch besonders gut vor Augen habe: bei einer Ärztin durfte ich mich nicht auf die Liege legen, um eine wichtige Untersuchung durchführen zu lassen. Die Liege sei nur für Menschen bis 100 Kilo konzipiert und niemand muss mehr als 100 Kilo haben, so die Aussage der Ärztin. Die Untersuchung wurde also im Stehen durchgeführt, für weitere Untersuchungen und Eingriffe hätte ich wo anders hingehen müssen, denn alle Liegen in der Ordination hatten ein Gewichtslimit. Die weitere Diskussion mit der Medizinerin war erniedrigend und hat mich einfach nur wütend zurückgelassen. Im Allgemeinen muss der dicke Mensch im medizinischen Kontext oft für sich kämpfen, für gute, bessere, ausreichende Behandlung – ein unmöglicher Zustand.

Das Körperbild unserer Gesellschaft ist geprägt davon, was allgemein als „schön“ gilt – welche Auswirkungen hat das auf uns? Es entspricht ja kaum jemand den auf Social Media gezeigten sogenannten Idealen …

Im besten Fall lässt es uns kalt, das ist aber leider die Ausnahme. Der Vergleich mit vermeintlich schönen Körpern ist nicht nur schlecht für unseren Selbstwert, er kann in extremen Fällen zu Essstörungen führen. Besonders unter Teenagern steigen leider die Zahlen Betroffener. Die ewige Kritik am eigenen Körper lässt uns ohne Selbstbewusstsein zurück, lässt uns an unserem eigenen Potenzial zweifeln („Kann ich die wichtige Präsentation wirklich abhalten, da schauen doch alle nur auf meinen unzulänglichen Körper.“) und treibt manche von uns dazu, alles an Diätprodukten und Mittelchen auszuprobieren, was uns unter die Finger kommt. Nichts hilft wirklich, keine Diät hat langfristig Erfolg, das zeigen uns diverse Studien, und wir bleiben mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit zurück. Oft jagen wir ein ganzes Leben lang einem vermeintlichen Ideal hinterher.

Wie distanziert man sich selbst am besten von vermeintlichen „Idealen“?

Es ist schwierig sich zu distanzieren, schließlich verfolgt einen dieses Ideal überall hin, besonders Social Media ist hier natürlich ein Treiber für diese Idealvorstellungen. Wie man dem entkommen kann? Indem man sich diverse Vorbilder sucht – folgt Menschen, die euch gut tun, die euch ein gutes Gefühl geben, lest Bücher, die euch zeigen, wie andere einen Weg raus aus diesem Streben nach dem ewigen Ideal gefunden haben, umgebt euch mit Menschen, die euch mögen, so wie ihr seid, die euch unterstützen, die euren Körper nicht beschämen. Hört darauf, was euch guttut. Oft sind die Stimmen von außen so laut, dass man selbst gar nicht mehr merkt, was man braucht. Sich darauf zu besinnen, ist wichtig und kann dabei helfen, seinen eigenen Weg zu finden und mit sich selbst zufriedener zu sein.

Wie gehst du mit dem Thema „Gesundheit“ um – hast du manchmal das Gefühl aus gesundheitlichen Gründen abnehmen zu wollen, müssen, sollen?

Meine persönliche Gesundheit ist privat und dabei belasse ich es auch. Ich spreche in der Öffentlichkeit nicht darüber und bin der Meinung, dass auch sonst niemand öffentlich über seine Gesundheit Rechenschaft ablegen muss. Als ich ein Kind und Teenager war, wurde mir oft empfohlen, für meine Gesundheit abzunehmen. Das habe ich damals auch versucht. Ohne Erfolg, mit Jo-Jo-Effekt war danach immer alles wieder drauf und mehr. Heute wissen wir, dass Diäten Gift für den Metabolismus sind. Ich habe lange gebraucht herauszufinden, was mir guttut, wie ich mit meinem Körper umgehen soll, wie ich zu mehr Bewegung finde, wie ich Stress reduziere. Ein Prozess, der bis heute anhält. Zum Glück habe ich medizinisches Fachpersonal gefunden, das mich nicht ständig ob meines Gewichts kritisiert. Ein schwieriger Prozess, denn immer wieder trifft man auf Ärzt:innen, die das sehr wohl tun. Doch ich finde meinen Weg. Manchmal muss ich auch wieder von vorne anfangen, es ist, wie gesagt, ein Prozess.

Was sagt die Medizin dicken Menschen?

Die Medizin sagt dicken Menschen, dass sie abnehmen sollen und dass ihr Dick-Sein ihr Problem ist. Ganz kurz zusammengefasst. Wenn wir über Gesundheit sprechen, dann sprechen wir oft über einen „viel zu kleinen Teil“, denn Gesundheit beginnt nicht erst in der Medizin. Gesundheit beginnt beim Thema Stress, Zugang zu Lebensmitteln, bei Diskriminierungserfahrungen im Alltag, bei der Frage, ob ich über ein regelmäßiges Einkommen verfüge, und vielem mehr. Medizinisch gesehen ist Prävention doch ein wichtiges Thema, doch dazu muss man zu Ärzt:innen gehen. Wir wissen aber aus vielen Studien, dass Mehrgewichtige den Gang in medizinischen Institutionen scheuen – aus Angst vor Ablehnung und Stigmatisierung.

Du hast vor kurzem dein erstes Buch herausgebracht: „Fat Business“. Was können wir uns unter diesem Titel vorstellen?

„Fat Business“ steht für mehrere Dinge gleichzeitig. Dafür, dass die Wellness-, Nahrungsergänzungsmittel-Industrie oder auch Pharmafirmen sehr gut an uns und mit uns verdienen und andererseits werden wir wirtschaftlich nicht wahr- oder ernstgenommen. Wir sind keine Kund:innen, wir sind als Zielgruppe nicht interessant, man übersieht uns. Dieses Beispiel zeigt sehr gut, wie gesellschaftlich mit „Dicken Menschen“ umgegangen wird – entweder sind sie ein Problem, das man loswerden muss, oder aber sie existieren quasi nicht. Deshalb auch der Untertitel meines Buches: „Dicke sind kein Problem!“

Du berätst Unternehmen, wie sie mit dicken Menschen am besten umgehen. Wie kam es zu dieser Tätigkeit und warum liegt sie dir so am Herzen?

Ich bin selbst dick und das wie gesagt schon mein ganzes Leben lang. So erlebe ich tagtäglich, wie man mit dicken Menschen umgeht und was alles dabei schiefläuft. Als dicke Angestellte habe ich das ebenso erfahren wie jetzt als dicke Unternehmerin. Bevor ich mich näher mit Gewichtsdiskriminierung auseinandergesetzt habe, dachte ich, dieses Problem gibt es nur bei mir, anderen geht es wahrscheinlich nicht so, weil niemand darüber spricht. Weit gefehlt. Als ich angefangen habe, mich damit zu beschäftigen, wurde mir schnell klar, dass der Umgang mit Mehrgewichtigen ein großes Problem ist. Dass es viele Vorurteile gibt, dass Dicke sich eben nicht frei entfalten oder auch nicht immer der Karriere nachgehen können, die sie gerne hätten.

Unternehmen nehmen sich selbst Chancen, wenn sie Diversity außer Acht lassen. Wie siehst du das in Zusammenhang mit Mehrgewichtigen?

Wir nehmen dicken Menschen Chancen, wir vorverurteilen, stempeln sie als weniger leistungsfähig, intelligent oder effizient ab. Dadurch verlieren die Gesellschaft und die Wirtschaft viel – ob fähige Mitarbeitende oder Selbstständige. Es kann doch nicht angehen, dass ein dicker Körper darüber bestimmt, wie weit ich im Unternehmen komme? Wo ist die Bewertung der Fähigkeiten? Darüber hinaus ist z.B. Bodyshaming nicht „nur“ ein Problem, das dicke Menschen betrifft. Wie wir als Gesellschaft über Körper urteilen, beeinflusst uns alle. Mitarbeitende, hier vor allem Frauen (weiblich gelesen), sind vielfach auch in Unternehmen Kritik an ihren Körpern  ausgesetzt. Studien aus den USA zeigen, dass das Milliarden kostet, denn dadurch werden Angestellte tatsächlich immer weniger leistungsfähig, können ihre Potenziale nicht zeigen, werden sogar krank. Das betrifft uns alle.

Viele Probleme fangen nicht „erst“ bei Hochgewichtigen an. Fehlende Mittagspausen, Kommentare von Kolleg:innen über den eigenen Körper, mangelnde Sitzgelegenheiten, zu wenig Platz, Vorurteile, die den Blick von Vorgesetzten und HR trüben – das betrifft viele Menschen. Frauen ab einem BMI von etwa 24 (und das ist Normgewicht!) verdienen laut Studien einen geringeren Stundenlohn als ihre schlankeren Kolleginnen (die Studien sind hier binär). Das ist Lookismus, der für beide Seiten nicht gut ist. Für dicke Frauen nicht und ebenso wenig für schlanke Frauen, denn der Schönheitsdruck steigt so enorm.

Welche Ratschläge gibst du in deinen Beratungen Unternehmen am häufigsten?

Sorgen Sie für Mittagspausen, dafür dass ihre Angestellten gut zu Mittag essen können. Der Idealfall ist natürlich eine eigene Betriebskantine, was aber nicht immer möglich ist. Geben Sie Ihren Mitarbeitenden auf jeden Fall Zeit, um in Ruhe zu essen. Machen Sie selbst keine Kommentare, was das Äußere einer Person betrifft, und machen Sie das zur Firmenpolitik. Schulen Sie die Führungspersonen im Umgang mit Mehrgewichtigen bzw. darin, wie man mit Bodyshaming umgehen kann. Zeigen Sie diverse Körperformen auch im Bildmaterial Ihrer Firma. Es klingt im ersten Moment nach viel Arbeit und das ist es auch. Es bedeutet nämlich, seine eigenen Vorurteile anzugehen und Veränderungen anzustoßen. Es lohnt sich aber sehr.

Welche Tipps hast du für Menschen bei der Zusammenarbeit in Teams? Was sind für dicke Menschen die größten No-Goes?

Machen wir Körperlichkeit gar nicht erst zum Thema. Keine Kommentare über Äußerlichkeiten! Wieso ist es interessant, wie meine Kolleg:innen ausschauen? Warum muss das diskutiert oder besprochen werden? Keine Kommentare über Diäten, ob „ hast du abgenommen, das steht dir aber gut“ oder „ich muss endlich abnehmen und mache jetzt Diät“. Wenn man privat mit Freund:innen über den eigenen Körper sprechen möchte – go ahead. Aber lasst es in der Arbeitszeit weg. Den Kolleg:innen beim Essen auf den Teller schauen und Essverhalten kommentieren: ein absolutes NoGo!

Achtet auf ausreichend Platz, davon profitieren alle. Wir gehen immer davon aus, dass alle Menschen überall mitkönnen, dass alle das gleiche Platzbedürfnis haben und alle auf die gleichen Möbel passen – nein. Und das ist nicht nur eine Frage von Mehrgewichtigkeit.

Wie geht man mit Bodyshaming um?

Sprecht mit Freund:innen darüber. Mit Vorgesetzten, wenn es in der Arbeit passiert. Wenn es euch zu sehr belastet, sucht euch bitte psychologische Unterstützung. Denkt immer daran: Menschen, die eure Körper beschämen, haben mit ziemlich hoher Sicherheit selbst die größten Probleme mit sich und projizieren diese auf euch. Das hilft natürlich im akuten Moment nicht, aber lasst euch von diesen Menschen nicht fertig machen. Wichtig ist wirklich, dass ihr euch Unterstützung holt. In Firmen müssen Vorgesetzte davon erfahren. Reagieren sie nicht darauf, geht zur Arbeiterkammer – Bodyshaming ist eine Form von Mobbing.

In welchen Hinsichten gibt es deiner Meinung nach den meisten Aufholbedarf im Umgang mit Dicken in unserer Gesellschaft?

Wo fange ich an? 😉 Bilder, die wir sehen, wie wir über Menschen und deren Körper sprechen, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir über dicke Menschen in Politik, Medizin und Gesellschaft sprechen, wie wir dicke Menschen behandeln, welche Attribute wir dicken Menschen zuschreiben – all das und noch viel mehr spielt eine Rolle im Umgang mit Mehrgewichtigen und beeinflusst, wie sie ihr Leben leben können. Sagen wir so: Beginnen wir doch mit einem öffentlichen Diskurs über dem Niveau „Fette fressen zu viel und bewegen sich zu wenig, selbst schuld“ und sprechen also nicht immer über dicke Menschen, ohne diese in den Diskurs miteinzubeziehen. Sprecht doch mal mit dicken Menschen und nicht immer über sie, das wäre ein Anfang.

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