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Herby Stanonik: „Gleich? Stinkfad!“

Herby Stanonik, queerer Dancing Star und Comedian, ist davon überzeugt: Diversität sollte man feiern, anstatt sie zu bekämpfen. Im Gespräch mit DIVERSITY Guide spricht er über sein Leben und Hintergründe zu Queerness im Tanzsport.
Text: Marion Breiter-O'Donovan
Herby Stanonik
© Michael Dürr
Herby Stanonik, Profitänzer, Dancing Star, Volksschullehrer und Comedian

Volksschullehrer, Profi-Tanzsportler, Dancing Star, Comedian – dein Karriereweg ist ebenso vielseitig wie du selbst. Wie kam es zu diesen unterschiedlichen Etappen?
Ich wusste schon immer, dass ich Lehrer werden möchte. Mir macht es Spaß zu unterrichten, aber auch in gewisser Weise „vor Publikum“ zu stehen. Ich würde sagen, dass die Bühne (in welcher Form auch immer) der gemeinsame Nenner meiner drei Karrierewege ist. Schon als Kind habe ich mit dem Tanzsport begonnen, neben der Schule erfolgreich Turniere getanzt und tagtäglich hart trainiert, um auch hier einen Traum zu verfolgen: ein Finale bei einer Weltmeisterschaft zu erreichen. Später sah mein Tag zusammengefasst so aus: Untertags war ich Lehrer und am Abend Tänzer. Die Wochenenden waren für Turniere im In- und Ausland reserviert. Und, weil ich viele lustige Anekdoten im Schulalltag erlebt habe, wurde irgendwann klar, dass ein eigenes Kabarettprogramm mit lustigen Geschichten aus dem Unterricht hermusste.

Was möchtest du den Zusehenden deines Kabaretts mitgeben?
Einerseits sollten alle, die zu meinem Kabarett kommen, eine gute Zeit haben. Heiter über die alltäglichen Hürden, die einem als Lehrkraft unterkommen, lachen. Aber andererseits nutze ich Comedy auch als Chance, kritisch auf unser Bildungssystem zu schauen. Da gibt`s meiner Meinung nach noch einiges zu verbessern. Ebenso schmunzeln wir in meinem Programm auch über die ein oder anderen Klischee-Elterntypen, die ja schließlich den Kern jeder Kindererziehung darstellen.

Wie kam es zum Titel deines Kabarettprogramms, „Bildungsscheu“?
Um den wirklichen Grund für die Wahl dieses Titels zu erfahren, müssen die Leute zu meinem Kabarett kommen – da kläre ich auf ;-). So viel sei gesagt: Der Sprachstand an den Schulen, an denen ich unterrichtet habe, ist nicht der Beste. Oft war ich die erste Person im Leben der Schüler:innen, die fließend Deutsch gesprochen hat. Und da waren natürlich die einen oder anderen witzigen Missverständnisse vorprogrammiert. Beispielsweise, als ich im Unterricht eineinhalb Stunden lang erklärt habe, was „scheu“ bedeutet.

Vielfalt ist ein Thema, dessen Stellenwert sich immer wieder verändert … Wie siehst du den aktuell stärkeren Gegenwind gegen die LGBTIQ+ Community?
Vielfalt ist ja, um genau zu sein, das Natürlichste, was es gibt. Alle Menschen, Blumen, Tiere auf dieser Welt sind verschieden. Und das ist auch gut so. Wie fad wär es denn, wenn alle gleich wären? Wenn alle gleich aussähen, den gleichen Charakter, Hobbies etc. hätten. Stinkfad! Deshalb wäre es mal an der Zeit, Diversität zu feiern, anstatt zu bekämpfen. Wenn ich in die Zukunft der queeren Community schaue, habe ich Sorgen. Ich finde, dass Diversität, Respekt und Toleranz viel mit Erziehung und Bildung zu tun haben. Studien (und meine Erfahrung als Lehrkraft) bestätigen, dass Familien, in denen Bildung keinen hohen Stellenwert hat (und die somit tendenziell intoleranter sind), eher Nachwuchs in die Welt setzen als Familien, in denen Schule, Karriere etc. eine Priorität sind. Diese Beobachtung ist natürlich unabhängig von Herkunft etc. zu sehen. Wenn sich also Bildungsferne potenziert, befürchte ich auch, dass Anschauungen wie beispielsweise Homophobie wieder salonfähiger werden.

Du hast dich vor zwei Jahren geoutet und dabei beschrieben, welche Kämpfe du 30 Jahre hindurch ausgefochten hast. Magst du uns darüber erzählen?
Dass ich in irgendeiner Form anders war als die restlichen Tiroler Jungs in meinem Alter, wurde mir schon früh klar. Ich war der einzige Junge, der ständig nur weibliche Spielgefährtinnen hatte, lieber mit Barbies spielte und der größte „Sailor Moon“ Fan war. Was natürlich noch keinen Rückschluss auf Sexualität ergeben sollte. Als ich dann mit dem Tanzen begann und mich anscheinend nicht „heteronormativ“ gab, wurde ich Zielscheibe von Mobbing. Im Laufe meiner Schulkarriere wurden diese Anfeindungen immer heftiger und aggressiver, sodass mein Notendurchschnitt von einem sehr guten Schüler zu einem mit Frühwarnungen wurde. Oft blieb ich von der Schule zu Hause aus Angst, körperlich oder psychisch fertig gemacht zu werden. Die ganze Schule kannte mich irgendwann. Beschimpfungen unter denen „Schwuchtel“ noch das geringste Übel war, musste ich mir jeden Tag anhören. Oft habe ich weinend zu Hause in meinem Zimmer vor einem Spiegel geübt, wie ein „richtiger Junge“ geht, sitzt oder spricht. Meine einzige Rettung war das Tanztraining am Abend. Dort fühlte ich mich verstanden und konnte im Tanz so sein, wie ich wollte. Doch auch das änderte sich irgendwann. Sobald ich aus der Jugend-Altersklasse austrat und mit meiner Tanzpartnerin bei den Erwachsenen mittanzte, wurden meine „Hetero-Schauspielfähigkeiten“ immer wichtiger. Sobald wir dann auch international erfolgreich wurden, war jede Form von Queerness so gut wie nicht existent. Vorbilder gab es keine diesbezüglich.

Wie hast Du den Umgang mit Queerness im Tanzsport erlebt?

Die führenden Nationen im Tanzsport während meiner aktiven Karriere waren hauptsächlich Länder aus dem Osten Europas. Rumänien, Litauen, Russland, Moldawien, … . Dass es da die LGBTQIA+-Community leider nicht leicht hat bzw. sie es offiziell fast gar nicht gibt, sollte bekannt sein. Die Weltmeister, die offen queer sind, haben sich meist erst nach Beendigung ihrer aktiven Karriere geoutet und waren davor teils sogar mit ihrer Tanzpartnerin zusammen oder verheiratet. Mich während meiner aktiven Karriere zu outen, war für mich so gut wie unmöglich. Hinzu kam noch, dass aufgrund des tagtäglich intensiven nahkörperlichen Trainings auch die ein oder andere Tanzpartnerin Gefühle, die ich nicht zurückgeben konnte, empfand. Ich versuchte jede Tanzpartnerschaft so professionell wie möglich zu halten. Die Emotionen dazwischen machten dies aber schwer und drohten eine Tanzpartnerschaft in die Brüche gehen zu lassen. Der Erfolg war mir aber wichtig und so schafften wir es, ohne dass ich mich groß erklärte, „geschäftlich“ weiterzutanzen. Irgendwann wurde mir aber klar: Sobald ich meine aktive Karriere beende, werde ich mein Leben leben und zu mir stehen. 2024 war es dann so weit, an die Öffentlichkeit damit zu treten.

Was war für dein Outing ausschlaggebend?
Ich wollte vor allem mit Klischees im Sport aufräumen. Dass „alle Tänzer schwul“ sind, ist weit verbreitet, aber falsch. Im Gegenteil. Solche Vorurteile erachte ich als äußerst kontraproduktiv, um vielleicht queeren Tänzer:innen die Möglichkeit zu geben, zu sich zu stehen. Ich finde, all das macht die Tanzszene zu einem sehr toxisch-maskulinen Feld. Männer sollen so macho-like wie möglich und ja nicht feminin wirken. Denn, der Leitsatz, den ich auf jedem Trainingslager hörte: Dancing is between a strong man and a sensual woman. Also hat sich in vielen Köpfen „ja nicht schwul wirken“ festgebrannt. Andererseits wollte ich auch nicht mehr Verstecken spielen. Es kostete mich extrem viel Energie, Fragen zu meiner Sexualität auszuweichen oder gar zu lügen diesbezüglich. Aber vor allem möchte ich ein Vorbild für Menschen sein, die vielleicht noch nicht so weit sind.

Als prominente Persönlichkeit bist du ein Role Model – siehst du das als Herausforderung oder Chance?
Das mag vielleicht esoterisch klingen, aber irgendwie glaube ich, dass ich u.a. dafür auf der Welt bin. Ich sehe es als meine Bestimmung, meinen Beitrag für eine offenere, respektvollere Menschheit zu leisten.

Wenn ein älterer Herby aus der Zukunft dem jungen Herby aus der Vergangenheit begegnen würde, was würde er ihm sagen?
Ich würde ihm sagen, dass er sich nicht stressen soll, weil alle anderen gefühlt an ihm vorbeiziehen im Leben. Zu sich selbst zu stehen braucht Zeit und Mut. Es wird viele Freund:innen geben, die das akzeptieren und beim Rest ist die Frage, ob das wirklich Freundschaft war/ist. Ich bin immer noch dabei, das Leben mit all seinen Facetten zu verstehen … aber, wenn man genauer reflektiert: Muss man das überhaupt? Lasst uns doch einfach das Leben als Geschenk sehen und jeden Moment das Beste daraus machen.

 

Zur Person

Herbert „Herby“ Stanonik

Alter: 32 Jahre

Geboren in: St. Johann in Tirol

Studium:

  • Volksschulpädagogik (abgeschlossen)
  • Theater-, Film- und Medienwissenschaften (nicht abgeschlossen)
  • Absolviertes Sprechtraining

Berufe

  • Comedian (eigenes Programm seit Herbst 2025)
  • Tanzsportinstruktor (staatlich geprüft)
  • Tanzsportler seit 2004
  • Content Creator (im Bereich Comedy)

Einige der größten tänzerischen Erfolge

  • Finalist der Weltmeisterschaft Showdance
  • Österreichischer Vizestaatsmeister über 10 Tänze (=Lateinamerikanische und Standardtänze in Kombination)
  • Österreichischer Vizemeister im Showdance
  • Vielfacher Finalist von Österreichischen Staatsmeisterschaften
  • Silbermedaille beim „Grand Prix Tyrnavia“ 2019
  • Choreograf mehrerer Musikvideos (z.B. Lizz Görgl „Sing“, Maddy Rose „Beautiful End & Demons“)

Bekannt aus/für

  • ORF Dancing Stars
    • 2023 als gleichgeschlechtliches Tanzpaar mit Michael Buchinger
    • 2024 mit Anna Strigl (7x auf Platz 1 der Jurywertung)
  • Öffentliches Coming-Out im Sommer 2024
  • Tanzen mit den Stars (ORF Kids)
  • Comedyauftritte: eigenes Comedyprogramm seit Herbst 2025
  • Reels auf Social Media mit millionenfacher Reichweite
  • Spielfilmen wie bspw. Best Christmas Ball Ever (Weihnachten in Wien)
  • 20 Jahre Dancing Stars-Jubiläumsshow
  • Licht ins Dunkel-Gala
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