Psychische Gesundheit für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung

Elke hat Schwierigkeiten, sich für ihr Umfeld verständlich auszudrücken. Für Matthias ist es eine unüberbrückbare Herausforderung selbst Einkaufen zu gehen. Sie haben beide eine Intelligenzquotienten von unter 70, doch sind die beiden deswegen psychisch nicht gesund?
Psychische Gesundheit – Definition ist nicht inklusiv
Wenn für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen der Umgang mit „normalen“ Alltagsbelastungen schwierig ist, sie nicht im herkömmlichen Sinn „produktiv arbeiten“ können, sind sie dann automatisch psychisch krank? Dieser Frage geht die Wiener Psychologin Elisabeth Zeilinger nach. Denn es gibt bis dato keine Definition dafür, was psychische Gesundheit für intellektuell beeinträchtigte Personen heißt. Zeilinger will damit für mehr Inklusion und Gesundheitsgerechtigkeit sorgen. Die bisherigen Ergebnisse ihrer Arbeit sind die konzeptionellen Vorarbeiten für eine Definition, die, so wünscht sich Zeilinger, international gültig sein und zu mehr Gesundheitsgerechtigkeit beitragen soll.
„Gängige Mental-Health-Definitionen sind so formuliert, dass Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen (IB) von Haus aus nicht als psychisch gesund gelten können“, kritisiert Zeilinger. Diese Schlussfolgerung ist nicht nur falsch – denn wie alle Menschen können auch Personen mit IB psychisch gesund oder psychisch krank sein. Die Konzeptlosigkeit führt auch zu einer systematischen Benachteiligung, hält die Expertin fest. „Wie sollen wir hochwertige und angemessene Strategien zur Förderung der psychischen Gesundheit oder zur Prävention von psychischen Erkrankungen für diese Zielgruppe entwickeln, wenn wir nicht einmal wissen, was psychische Gesundheit für sie bedeutet?“
Betroffene als Expert:innen eingebunden
Die Neudefinition soll nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch inklusiv sein: passgenau für Menschen mit IB. Deshalb war der Forscherin wichtig, von Anfang an Betroffene in das Grundlagenprojekt einzubinden. Vier Personen mit intellektuellen Einschränkungen waren und sind als Co-Forschende an jedem Schritt beteiligt, vom Erarbeiten der Fragebögen und Materialien für die Fokusgruppen über die Diskussionsrunden bis hin zur Datenauswertung oder Einschätzung der abschließenden Ergebnisse. Da das Interesse an partizipativen Ansätzen international groß ist, wird diese methodische Arbeit in einer eigenen Publikation detailliert dargestellt.
Gerabeitet wird mit einem universelles Design, Texten in Einfacher Sprache und gut verständlichen Bildern. Im mehrstufigen Prozess (Delphi-Studie) wurde für Expert:innen mit und ohne IB derselbe Fragebogen verwendet. An der ersten Runde wirkten 37 Expert:innen für psychische Gesundheit mit – Mental-Health-Professionals und professionelle Betreuer:innen – sowie 23 „Expert:innen in eigener Sache“, also Personen mit IB.
Unterschiedliche Wahrnehmungen
Was ist nun den Expert:innen wichtig? Teilnehmer:innen ohne IB würden eher dazu neigen, sich auf Defizite und die verschiedenen Unterstützungsbedarfe zu fokussieren. Für Menschen mit IB hingegen sind – „sehr differenziert in ihrer Wahrnehmung“ – vor allem die Entwicklung eigener Fähigkeiten und Kompetenzen in einem unterstützenden Umfeld besonders wichtig für ihre psychische Gesundheit. Dazu gehören grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen, soziale Kompetenzen („gutes Reagieren in sozialen Situationen“) oder auch Mobilität („allein Bus fahren können“).
„Menschen mit IB wünschen sich durchaus Unterstützung – aber ohne Bevormundung“, betont die Forscherin. Ebenfalls wichtig sind: eine gute Wohnumgebung, in der es möglich ist, „auch einmal alleine zu sein“, oder körperliche Gesundheit: „Wenn mein Körper nicht gut ist, geht es mir auch nicht gut.“ Kaum ein Thema war bei den Expert:innen mit IB „produktiv arbeiten“ oder „einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten“. Vermutlich ist das sozial geprägt: Da viele Menschen mit IB ohne Lohn in geschützten Werkstätten arbeiten, hätten sie gar nicht verankert, dass sie das überhaupt könnten.
Zum Projekt
Elisabeth Zeilinger ist Psychologin und forscht an der Universität Wien. Mit ihrer Arbeit will sie zu mehr Gesundheitsgerechtigkeit (Health-Equity) beitragen. Das Forschungsprojekt „Psychische Gesundheit von Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen“ (2023–2026) wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.



