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Migrant:innen sind in Österreich seltener im Krankenhaus

Gesundheitsdienstleistungen werden von Migrant:innen seltener in Anspruch genommen. Eine Untersuchung hat sich der Frage gewidmet, wie Migrant:innen hierzulande das Gesundheitssystem im Vergleich zu Österreicher:innen tatsächlich nutzen.
Text: Helene Fiegl
Hospitalisierung Migrant:innen: Patientin im Krankenhaus
© RDNE Stock project/pexels
Forschungen haben ergeben, dass Migrant:innen deutlich geringere Hospitalisierungsraten aufweisen als Österreicher:innen. Sie machen nur 9,4 % der Krankenhauspatient:innen aus.

Gesundheit ist ein grundlegendes Menschenrecht. Auch wenn der Zugang zu medizinischer Versorgung allen Menschen offensteht, wird er nicht von jeder Person gleich genutzt. Analysen haben gezeigt, dass das besonders auf Migrant:innen zutrifft. Sie sind deutlich weniger oft im Krankenhaus anzutreffen, als Österreicher:innen.

13 Millionen Krankenhausaufenthalte ausgewertet

Das haben Untersuchungen des Complexity Science Hub (CSH) und der Medizinischen Universität Wien ergeben. Die Intention der Forscher:innen war es, Daten über die medizinische Versorgung von Migrant:innen zu erhalten. Damit sollten mögliche Zugangshürden und Versorgungslücken aufgezeigt werden. Somit könnten auch die Lebensqualität erhöht, Ressourcen effizient geplant und stereotype Debatten faktenbasiert gestaltet werden , erklärt Wissenschafterin Elma Dervic vom CSH.

Für die Studie wurden Daten zu rund 13 Millionen Krankenhausaufenthalten in Österreich zwischen 2015 und 2019 erhoben. Migrant:innen – in der Studie definiert als Personen, die in Österreich leben, aber keine österreichische Staatsbürgerschaft haben – haben demnach eine deutlich geringere Hospitalisierungsrate. Das trifft für alle Nationalitäten zu, außer deutschen Staatsbürger:innen. Diese verzeichnen pro Kopf am meisten Krankenhausaufenthalte. Deren Nutzungsmuster ähnelt jenem der Österreicher:innen – sowohl hinsichtlich der Krankenhausabteilungen, in die sie aufgenommen werden, als auch bei Erst- und Gesamtdiagnosen. Bei allen anderen Nationalitäten bestehen deutliche Unterschiede.

Wiederaufnahmerate bei Migrant:innen höher

Der Fokus wurde auch auf die Wiederaufnahmeraten gelegt. Diese können aufschlussreiche Einblicke in die Gesundheitsversorgung von Migrant:innen liefern. Demnach könnte man vom so genannten „Healthy-Migrant“-Effekt ausgehen. Das würde bedeuten, dass diese Menschen einfach jünger und gesünder als die Durchschnittsbevölkerung sind. Oder sind für die geringeren Hospitalisierungsraten Zugangshürden, sprachlicher oder kultureller Natur verantwortlich?

Die Ergebnisse haben gezeigt, dass Migrant:innen eine deutlich geringere Hospitalisierungsraten aufweisen als Österreicher:innen. Sie machen nur 9,4 % der Krankenhauspatient:innen und 9,8 % der Krankenhausnächte aus. (Eine Ausnahme bilden, wie oben erwähnt, deutsche Staatsbürger:innen.) Jedoch konnte eine höhere Wiederaufnahmerate festgestellt werden. Jene Migrant:innen, die ein Krankenhaus besucht haben, kehren innerhalb eines Jahres nach einer ersten Aufnahme häufiger ins Krankenhaus zurück. „Eine Kombination aus seltenerer Aufnahme und höherer Wiederaufnahme könnte darauf hindeuten, dass Erkrankungen erst später im Verlauf behandelt werden“, so Studienerstautorin Elma Dervic.

Beispielsweise zeigen Personen aus Ungarn, Rumänien und – im Fall von Frauen – der Türkei geringere Wiederaufnahmeraten, was mit dem „Healthy Migrant“-Effekt vereinbar ist. Patient:innen aus Russland, Serbien sowie – im Fall von Männern – der Türkei weisen erhöhte Wiederaufnahmeraten auf, was eher auf Zugangshürden hindeutet.

„Healthy Migrant“-Effekt?

Beim Vergleich der Erstaufnahmen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen österreichischen und nicht-österreichischen Patient:innen. Nicht-Österreicher:innen wurden etwa seltener in die Allgemein- und Gefäßchirurgie aufgenommen, dafür häufiger in Abteilungen der Inneren Medizin (inklusive Kardiologie und Nephrologie), Hämatologie, Onkologie und Radiologie – was ein Zeichen dafür sein könne, dass diese Menschen häufiger an chronischen oder schweren Erkrankungen leiden, so die Forschenden. Zudem wurden psychische Diagnosen bei Nicht-Österreicher:innen seltener gestellt. „Das deutet darauf hin, dass psychische Erkrankungen bei Migrant:innen unterdiagnostiziert sind“, so Peter Klimek vom CSH und der MedUni Wien. Alle diese Unterschiede fielen bei Patient:innen mit deutscher Staatsbürgerschaft deutlich geringer aus.

„Unsere Studie zeigt, dass die unterschiedliche Nutzung des österreichischen Gesundheitssystems durch Menschen verschiedener Nationalitäten nicht allein durch den „Healthy Migrant“-Effekt oder kulturelle Barrieren erklärbar ist“, sagt Klimek. „Vielmehr muss die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems durch migrantische Bevölkerungsgruppen differenziert nach Nationalitäten betrachtet werden, da sich offenbar unterschiedliche Nutzungsmuster in verschiedenen Gruppen zeigen. Künftige Maßnahmen sollten gezielt den Zugang – insbesondere zur ambulanten Versorgung – erleichtern, etwa durch bessere Übersetzungsangebote oder Orientierungshilfen im Gesundheitssystem.“

 

 

Über den CSH

Der Complexity Science Hub (CSH) ist Europas wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme. Gegründet im Jahr 2016, forschen heute über 70 Wissenschafter:innen am CSH, getragen von der wachsenden Notwendigkeit für ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen – vom Gesundheitswesen bis zu Lieferketten.

Über die Studie
Die Studie „Healthcare Utilization Patterns Among Migrant Populations: Increased Readmissions Suggest Poorer Access. A Population-Wide Retrospective Cohort Study” von Elma Dervic, Ola Ali, Carola Deischinger, Rafael Prieto-Curiel, Rainer Stütz, Ellenor Mittendorfer-Rutz und Peter Klimek wurde in Journal of Migration and Health veröffentlicht (doi: 10.1016/j.jmh.2025.100340).

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