https://www.diversityguide.at/3049
  • Diversity Management
  • Good Practice
  • People
  • Service
  • Balance
  • Diversity Voices
Themen
  • Alter
  • Awards
  • Barrierefreiheit
  • Behinderung
  • Bildung
  • Diversität
  • Fairness
  • Frauen
  • Gender
  • Gesundheit
  • Gleichstellung
  • Inklusion
  • Job
  • Kinder
  • Kultur
  • Politik
  • Reise
  • Schule
Diversity für Mitarbeiter:innen

Intersektionalität: eine aktuelle Studie

Soziale Beziehungen im Schatten mehrfacher Diskriminierung: Eine Studie des Complexity Science Hub anhand von Schüler:innen-Daten zeigt die Auswirkungen von Intersektionalität, dem Zusammentreffen mehrerer Diversity-Dimensionen.
Text: Helene Fiegl
© Shutterstock

Soziale Beziehungen sind ein Grundbedürfnis, das uns in die Wiege gelegt wird. Doch warum haben manche Menschen mehr Kontakte und Möglichkeiten als andere? Für viele ist der Wunsch, in Verbindung mit anderen zu sein, nicht nur gefühlt eine Einbahnstraße – und manche tun sich zudem deutlich schwerer damit als andere. Wer Teil mehrerer benachteiligter sozialer Gruppen ist, hat es sogar oft überproportional schwerer. Eine Studie des Complexity Science Hub (CSH) und der TU Graz hat aufgezeigt, dass sich soziale Nachteile nicht nur addieren, sondern gegenseitig verstärken können.

Neue Erkenntnisse zu Identitätsmerkmalen

Die beiden Wissenschaftler:innen Fariba Karimi und Samuel Martin-Gutierrez haben uns Einblicke in ihre jüngste Forschungsarbeit gewährt. Studienleiterin Karimi verantwortet die Forschungsgruppe Algorithmic Fairness am Complexity Science Hub und ist Professorin an der TU Graz. Martin-Gutierrez hat als Forscher am Complexity Science Hub in seiner Position als PostDoc an der Studie mitgearbeitet, aktuell ist er Tenure-Track-Professor an der Polytechnischen Universität Madrid.

Um zu verstehen, wie sich verschiedene Identitätsmerkmale – etwa Geschlecht und Herkunft – auf soziale Netzwerke auswirken (darüber spricht auch die feministische Autorin und Expertin für Diversity, Amani Abuzahra mit diversityguide.at), entwickelten die Forschenden ein mathematisches Modell und testeten es mit Freundschaftsdaten von rund 40.000 US-amerikanischen Schüler:innen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Nachteile bei sozialen Beziehungen oft auf unerwartete Weise auftreten, wenn mehrere Identitätsmerkmale zusammenwirken“, erklärt Karimi und fügt an: „Wir gehören zu den ersten Forschungsteams, die intersektionale Aspekte von Ungleichheiten in sozialen Netzwerken untersucht haben.“

Menschen wählen oft Freunde oder Partner, die ihnen ähneln, etwa was Alter, Hintergrund, Ausbildung betrifft. Die Wissenschaft spricht von Homophilie. „Aber es ist unklar, wie sich mehrere Eigenschaften in dieser Wahl verbinden“, skizziert Martin-Gutierrez die Ausgangslage. „Unser Modell hilft zu erklären, warum einige soziale Gruppen mehr soziale (Ver-)Bindungen aufbauen als andere, was zu Ungleichheiten in Sichtbarkeit, Beliebtheit und Zugang zu Chancen führt. Wir können mit hoher Genauigkeit vorhersagen, welche Gruppen mehr oder weniger soziale Bindungen haben werden.“

Gleich und gleich gesellt sich gerne

Wenn nun bestimmte Gruppen häufiger untereinander vernetzt sind – und gleichzeitig besser an zentrale, einflussreiche Teile des Netzwerks angebunden sind –, so haben sie besseren Zugang zu Informationen und Unterstützung. Damit bieten sich ihnen auch letztlich mehr Chancen. Benachteiligte Gruppen hingegen bleiben oft am Rand des gesellschaftlichen Netzwerks. Sie haben weniger Verbindungen zu zentralen Elementen des Netzwerks und ihre Kontakte sind häufig selbst schlechter vernetzt. Dadurch haben sie verminderten Zugang zu Informationen über Möglichkeiten, etwa auf dem Arbeitsmarkt.

„Wenn sich Mehrheitsgruppen bevorzugt untereinander vernetzen, entsteht eine strukturelle Unsichtbarkeit für Minderheiten“, so Martin-Gutierrez. Und zwar deshalb, weil viele Minderheiten Schnittmengen größerer Gruppen sind, erläutern die Expert:innen. Zum Beispiel befinden sich junge Migrantinnen an der Schnittmenge von „jung“, „Migrantin“ und „Frau“, sodass jede Untergruppe recht klein sein kann und daher im alltäglichen sozialen Miteinander weniger wahrscheinlich anzutreffen ist. Wenn die Wahl von Freund:innen auch nur leicht zugunsten bekannter Gruppen verzerrt ist, können diese kleinen sich überschneidenden Untergruppen regelmäßig übersehen werden, was zu weniger Verbindungen und geringerer Sichtbarkeit im Netzwerk führt.

Durchschnittswert aus vielen Untergruppen

Intersektionale Ungleichheiten können überraschend erscheinen, weil wir oft „top down“ denken, als ob eine Untergruppe nur die Summe großer Kategorien wäre. Aber junge Migrantinnen sind nicht „alle jungen Menschen + alle Migranten + alle Frauen“; es handelt sich um eine viel kleinere Überschneidung. Eine klarere Sichtweise ist „bottom-up“: Das Gesamtmuster für „Frauen“ ist ein Durchschnittswert aus vielen Untergruppen (jung / alt, Migrantinnen / Einheimische usw.), jedoch kann dieser Durchschnittswert verbergen, welche spezifischen Überschneidungen ausgelassen werden.

Intersektionale Benachteiligung ist demnach mehr als die Summe einzelner Diskriminierungen. „In unserer Studie bedeutet intersektionale Diskriminierung, dass Menschen nicht nur aufgrund einer bestimmten Eigenschaft wie Geschlecht oder Migrationshintergrund weniger soziale Kontakte haben können, sondern aufgrund der spezifischen Kombination ihrer Eigenschaften. Unser Modell zeigt, dass intersektionale Diskriminierung grundsätzlich größer, kleiner oder etwa gleich der Summe der Nachteile aufgrund einzelner Eigenschaften sein kann, führen die Wissenschaftler:innen aus.

Mehrere Benachteiligungen als Verstärker

Was bedeutet das nun für Menschen, die gleich mehreren benachteiligten Gruppen angehören – zum Beispiel Frauen mit Migrationshintergrund aus einkommensschwachen Familien? Hier addieren sich die Auswirkungen nicht nur – sie können sich auf nichtlineare und manchmal unerwartete Weise verstärken. Diese intersektionalen Ungleichheiten wurden bislang wissenschaftlich wenig untersucht, da der Fokus stark darauf lag, wie einzelne Identitätsmerkmale die Bildung sozialer Beziehungen beeinflussen.

Ein überraschender Befund in der Studie war, dass schwarze Buben in bestimmten Schulstufen trotz zweifacher Benachteiligung besser vernetzt waren. Doch wie sind solche so genannten „emergenten Intersektionalitäten“ zu verstehen? „Die Ergebnisse beziehen sich nicht unbedingt auf eine bestimmte ethnische Gruppe oder ein bestimmtes Geschlecht“, erklärt Karimi. Es zeigt vielmehr, dass die Größe mehrdimensionaler Gruppen für soziale Chancen von Bedeutung ist. Im Kontext europäischer Schulen könnte dies beispielsweise auf Schüler:innen mit Migrationshintergrund zutreffen.

„In unserem Modell hängt die Vernetzung einer Untergruppe auch davon ab, wer auf diesem Level (Gruppengrößen) anwesend ist und wer dazu neigt, sich mit wem zu verbinden“, ergänzt Martin-Gutierrez. So kann eine Gruppe, die insgesamt benachteiligt ist, in einer bestimmten Klassenstufe relativ besser vernetzt sein, je nach der lokalen Zusammensetzung der Schüler:innen und den Verbindungsmustern. Wir würden dies als modellbasierte Erklärung dafür betrachten, wie solche Umkehrungen entstehen können, und es legt auch nahe, dass wir bei der Interpretation einzelner aggregierter Statistiken vorsichtig sein sollten, ohne die dahinterstehenden Dynamiken auf Klassenebene zu betrachten, sagt Martin-Gutierrez.

Freundschaftsdaten von Schüler:innen

Dass die Untersuchung ausgerechnet mit Freundschaftsdaten von Schüler:innen gemacht wurde, erläutern die Expert:innen folgendermaßen: „Sie sind besonders aussagekräftig, da die meisten Teenager ihre Freundschaften in einem klar abgegrenzten Umfeld, nämlich der Schule, schließen.“ Daher lässt sich viel vollständiger als in den meisten Erwachsenenkontakten nachverfolgen, wer mit wem in Verbindung steht. Mit Umfragen lassen sich Daten fast zum gesamten Netzwerk sammeln, wodurch soziale Lücken in den Verbindungen zwischen Gruppen direkt sichtbar werden und nicht nur vermutet werden müssen. Und das ist wichtig, weil frühe soziale Bindungen den späteren Zugang zu Informationen und Chancen prägen. Groß angelegte Untersuchungen zeigen, dass gruppenübergreifende Verbindungen stark mit sozialem Aufstieg verbunden sind.

Diese neue Methode könnte also beitragen, Bildungseinrichtungen, soziale Plattformen oder politische Programme so zu gestalten, dass strukturelle Benachteiligungen früh erkannt und ausgeglichen werden können.

 

Die Studie des CSH

Die Studie „Intersectional inequalities in social ties“ stammt von Samuel Martin-Gutierrez, Mauritz N. Cartier van Dissel und Fariba Karimi.

Der Complexity Science Hub (CSH) ist ein wissenschaftliches Zentrum mit Sitz in Wien zur Erforschung komplexer Systeme. Über 70 Wissenschafter:innen aus verschiedenen Disziplinen arbeiten an einem fundierten Verständnis der Zusammenhänge, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen – vom Gesundheitswesen bis zu Lieferketten. Vor kurzem feierte die Institution ihren zehnten Geburtstag.

Mehr zu Diversity für Mitarbeiter:innen
© BMASGPK

Digitalisierung darf analoge Zugangswege nicht ersetzen

Bei einem Treffen zwischen BM Korinna Schumann und Behindertenratpräsident Klaus Widl stand die Frage, wie die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft sichergestellt werden kann.
© pexels.com-zandatsu

Fehlende Studienplätze zwingen Jungmediziner:innen ins Ausland

Die Flaschenhals-Basisausbildung gefährdet die medizinische Versorgung Österreichs. Daher fordern die ÖHs der MedUnis Innsbruck, Wien, Graz, der Studienvertretung Humanmedizin Linz, sowie der ÖH an der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems die Verantwortlichen zum Handeln auf.
© MP2

Berufsfeld IT: Die digitale Welt gestalten

Innovation, Vielfalt & neue Chancen: IT-Unternehmerin Gerlinde Macho beantwortet drei wesentliche Fragen über die Gestaltung der beruflichen Zukunft in der IT & Digitalisierung.
  • Über uns
  • Impressum
  • Datenschutz
  • Mediadaten
  • Newsletter anmelden
Hier geht es zur aktuellen Ausgabe