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Diversity Management

Von der Nähmaschine zur Zukunft der Arbeit

In den letzten 300 Jahren haben neue Technologien Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Heute entstehen durch die generative KI neue Berufe, die neue Fähigkeiten erfordern. Fraglich ist, ob es genug Menschen gibt, die diese besetzen.
Text: Michael Strausz
© Anja Böck
Hillary Vipond: Wandel hängt von Geschwindigkeit bei der Umsetzung neuen Technologie ab

Was lässt sich aus den Erkenntnissen der Mechanisierung der Schuhmacherei für das heutige KI-Zeitalter lernen? Anhand englischer Zensusdaten von 1851 bis 1911 – und somit über den gesamten Verlauf der Mechanisierung der Schuhmacherei hinweg – hat Hillary Vipond vom Complexity Science Hub (CSH) quantifiziert, wie viele Jobs verloren gingen und geschaffen wurden. In ihrer neuen Studie beschäftigte sich Vipond mit den technologischen Schock im England des 19. Jahrhunderts ‒ und liefert Denkanstöße dafür, wie die Zukunft der Arbeit im KI-Zeitalter aussehen könnte. „Zum ersten Mal in der Geschichte besteht die Möglichkeit, dass Maschinen die menschliche Arbeit in neu entstehenden Tätigkeiten fast sofort übernehmen und dieser auch überlegen sind“, vermutet die Wirtschaftshistorikerin.

Neue Technologien und Geschwindigkeit ihrer Umsetzung

Wen der Wandel am härtesten trifft, hängt laut Vipond auch davon ab, wie schnell sich neue Technologien durchsetzen. Historisch wurden sie oft nur allmählich eingeführt. Die Dampfmaschine brauchte Jahrzehnte, um die Wassermühlen in England zu verdrängen, und Dampfschiffe ebenso lange, um Segelschiffe abzulösen. Wenn sich eine neue Technologie nur langsam verbreitet und die Nachfrage nach den älteren Fähigkeiten bestehen bleibt, kann der Beruf aussterben, weil die bereits Beschäftigten altern und junge Generation nicht nachrückt. In diesem Fall sind es junge Leute, die darauf angewiesen sind, dass neue Arbeitsplätze entstehen.

Manche Technologien schlugen jedoch sofort ein. So machte die Umstellung des Telefonbetriebs von manuell auf automatisch in den 1920er-Jahren den Beruf der Telefonistin nahezu sofort überflüssig. Die erforderlichen Fähigkeiten einer Telefonistin war allerdings nicht sehr weit entfernt von denen einer Sekretärin und somit konnten sich die ehemaligen Telefonistinnen einfach umorientieren. Heute ist die KI jene Technologie, welche die Arbeitsplätze der Zukunft maßgeblich beeinflussen wird. „Sobald wir verstehen, wie rasch generative KI-Technologien breite Aufgaben übernehmen, lässt sich einschätzen, welche Generation die Last des Wandels schultern wird. „KI-Implementierung ist nicht so unkompliziert und wir haben Belege dafür, dass sie eine gewisse Zeit braucht. Dennoch dürfte das Tempo des Wandels deutlich höher sein als im 19. Jahrhundert“, betont Vipond.

Jüngere Arbeitskräfte anpassungsfähiger

Vipond verfolgte individuelle Berufsbiografien und sah, dass die etablierten Handwerker größtenteils weder ihren Job verloren noch ihren Wohnort verließen, um in der Fabrik zu arbeiten. Das stellte Vipond zunächst vor ein Rätsel: „Wie konnten so viele Arbeitsplätze verloren gehen, wenn die meisten Menschen, die bereits als Schuhmacher tätig waren, ihren Beruf gar nicht aufgeben mussten?“

Die Antwort fand Vipond bei den jüngeren Alterskohorten: „Junge Menschen sind nicht mehr in das sterbende Handwerk eingestiegen. In diesen Jahrgängen ist der Zugang massiv eingebrochen.“ Das bedeutet, dass die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt – sowohl beim Wegfall als auch bei der Entstehung von Stellen – größtenteils von jungen Menschen getragen wurden. Die neuen Stellen wurden von jungen Leuten besetzt, wenn auch vor allem von jenen, die aus den Grafschaften stammten, wo die neue Arbeit entstand. Der Zugang zu den neuen Arbeitsplätzen war somit äußerst ungleich verteilt.

Benachteiligte Frauen

Warum aber wurden die etablierten traditionellen Schuhmacher:innen durch die neuen Nähmaschinen nicht sofort überflüssig? „Die Mechanisierung hat das ursprüngliche Produkt tatsächlich nicht vollständig ersetzt“, sagt Vipond. Fabrikgefertigte Schuhe waren günstig, doch es gab weiterhin Nachfrage nach hochwertigen handgefertigten Schuhen. „Sie waren ein Premiumprodukt, das wohlhabende Bevölkerungsgruppen weiterhin zu kaufen bereit waren. Und dadurch hielt sich das Handwerk. Die Daten zeigen deutlich, dass traditionelle Schuhmacher in wohlhabenderen Gegenden überrepräsentiert waren“, weiß Vipond.

Dabei gab es allerdings deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Die meisten Frauen in der Branche waren jene, die die Lederteile von Hand zusammennähten. Die neuen Maschinen ersetzten sie vollständig. Nahezu ebenso viele neue Stellen für Frauen entstanden zwar, doch diese gingen an junge Frauen in Northamptonshire und Leicestershire. Männer hingegen verfügten über ein breiteres Aufgabenspektrum und Fähigkeiten, die weiterhin gefragt waren.

 

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