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Wir müssen Demokratie lernen

Wissen wir noch, worauf es bei Demokratie ankommt? Und bedenken wir, dass diese nicht nur im Parlament zu finden ist, sondern überall, wo Menschen zusammenkommen? Demokratie-Trainerin Ola Frühwirth gibt Antworten auf brisante Fragen der Gegenwart.
Text: Helene Fiegl
© Shutterstock/Rawpixel.com

Demokratie ist nichts, was uns nur an der Wahlurne oder im Parlament begegnet. Sie ist kein abstraktes Prinzip oder ein Stück beschriebenes Papier. Demokratie ist eine alltägliche Praxis. Sie ist überall dort, wo sich Menschen begegnen: im Treppenhaus, im Wohnzimmer, in der Straßenbahn, im Klassenzimmer oder im Büro.

Unsere Gesellschaft fußt zwar auf starken demokratischen Grundlagen, aber diese wollen gepflegt sein. Der jüngste Demokratie-Index zeigte einen leichten Trend nach unten (eine Verschlechterung um 0,6 Prozentpunkte). Gerade heute erleben wir vielfach, dass Diskussionen rasch eskalieren und soziale Medien eher spalten denn verbinden. Es fehlt oft an Bereitschaft, andere Perspektiven zu akzeptieren und Vielfalt wird eher als störend empfunden. Wir haben Ola Frühwirth, eine Demokratie-Trainerin nach der Betzavta-Methode, zu den Herausforderungen eines demokratischen Miteinanders befragt.

Wie definieren Sie demokratisches Verhalten im Alltag? Und wie ist es aktuell darum bestellt?

Unsere Demokratie gründet auf einigen Grundwerten wie zum Beispiel Gleichheit, Freiheit und Solidarität. Allerdings werden diese Grundwerte gerade in Frage gestellt. Gleichheit meint die „Gleichwürdigkeit“ aller Menschen, aber werden in unserer Gesellschaft alle Menschen mit gleicher Würde behandelt? Der Freiheitsbegriff ist von jeher ein schwieriger, weil er sehr viel Interpretationsspielraum zulässt. Momentan leben wir in einer Zeit, in der die eigene Freiheit oft über die Freiheit der anderen gestellt wird und so ähnlich geht es auch mit der Solidarität.

Die Individualisierung hält uns davon ab, uns mit anderen zu solidarisieren. Demokratisches Verhalten im Alltag würde diese Grundwerte so gut es geht bewahren bzw. verteidigen. Das heißt, ich setze mich ein für Menschen, die weniger Gehör finden, die in unserer Gesellschaft öfter übersehen oder diskriminiert werden. Ich beachte oder respektiere die Bedürfnisse anderer Menschen und meine eigenen und versuche bei Konflikten eine möglichst gute Lösung zu finden.

Warum fällt es Menschen oft schwer, andere Meinungen auszuhalten?

In der digitalen Welt wird oft von Echokammern gesprochen. Wir bekommen dabei meistens Inhalte präsentiert, die zu unserer Weltanschauung passen. Aber auch im privaten Leben haben wir meistens Menschen um uns, die ähnliche Ansichten teilen. Anders verhält es sich im Job oder im Verein (oder in der Familie), wo ich mir meine Mitmenschen nicht immer aussuchen kann. Hier, wo ich die Möglichkeit hätte, andere Standpunkte oder Perspektiven kennenzulernen, wird ein Austausch eher vermieden aus Angst, in Konflikte zu geraten. Oder einfach um kognitive Dissonanz auszuschalten. Diese erzeugt nämlich Frustrationen, wenn Informationen mit den eigenen Meinungen nicht übereinstimmen. Eine Dissonanz ist „psychologisch unangenehm“, sie erzeugt Druck –daher ist die Person bestrebt, den Druck zu reduzieren.

Welche Methoden fördern konstruktive Debatten in polarisierten Zeiten?

Ein erster Schritt wäre, anderen Menschen ernsthaft zuzuhören. Mich für den/die andere zu interessieren und mir nicht schon während der/die andere spricht meine Antwort zu überlegen – also das Aushalten von anderen Meinungen. Wichtig wäre auch die Erhöhung der Ambiguitätstoleranz – das ist die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Unsicherheit, Widersprüche und unklare Situationen zu ertragen und konstruktiv damit umzugehen. Und genau das vermittelt die Betzavta–Methode des Adam Institute.

Durch erlebnisorientiertes Üben und viel Raum für Reflexion werden Kernkompetenzen wie Empathie und Toleranz gefördert. Ich verstehe somit, dass eine andere Person gute Gründe für ihre Position oder Entscheidung hat. Der eigene Standpunkt ist also nicht der einzig wahre, es verschwindet das Schwarz-Weiß-Denken und es entsteht ein Sowohl-Als-Auch.

Wie erkenne ich, dass ich selbst in undemokratische Verhaltensmuster rutsche?

Häufig helfen die Fragen „Wie ist diese Entscheidung zustande gekommen?“, „Wer hat sie getroffen?“, „Wurden alle Bedürfnisse berücksichtigt?“ Oft werden aus Zeitgründen Entscheidungen im Alleingang oder durch eine einfache Mehrheit getroffen – das lernen wir schon in der Schule. Wollt ihr lieber auf Sport- oder Sprachwoche fahren? Wollt ihr lieber Fußball oder Volleyball spielen? Entweder-Oder-Fragen vermitteln den Eindruck der Mitentscheidung, es entstehen aber immer Gewinner:innen und Verlierer:innen und die eigentlichen Bedürfnisse werden meist komplett ignoriert. Gute, tragfähige Entscheidungen benötigen die Partizipation aller Beteiligten. Jetzt werden einige einwerfen: „Wir können ja nicht bei allen Entscheidungen alle befragen!“ Das stimmt vermutlich, aber wir können damit anfangen, übliche Entscheidungsfindungen zu hinterfragen oder das eine oder andere Mal etwas anderes auszuprobieren. Denn Demokratie muss gelernt und geübt werden.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen machen Ihnen Hoffnung?

Mir kommt vor, dass die Demokratie – mit dem Aufstieg antidemokratischer Parteien und Bewegungen in den letzten Jahren – nicht mehr als so selbstverständlich angenommen wird. Und das ist gut so, denn Demokratie muss von den Bürger:innen gewollt und verteidigt werden. Viele Menschen engagieren sich gezielt für den Erhalt und die Stärkung der Demokratie. Es entstehen neue Formate, die Menschen miteinander ins Gespräch bringen und der Polarisierung entgegenwirken sollen. Das zeigt sich auch daran, dass das Interesse für Demokratie-Workshops gestiegen ist.

Was hat Sie dazu bewogen, Demokratie-Trainerin zu werden?

Mich hat seit jeher das „gute Miteinander“ bewegt. Zuerst als Mediatorin, dann als Lebens- und Sozialberaterin. 2017 bin ich eher zufällig über Betzavta gestolpert und diese Methode hat mich tief beeindruckt. Sie hat mir unendlich viele Lernfelder eröffnet und ich lerne immer noch sehr viel dazu. Außerdem bin ich überzeugte Demokratin, denn die Demokratie (wenn es auch viel Verbesserungspotenzial gibt) ist immer noch die Staatsform, die die meiste Freiheit ermöglicht. Deswegen ist es mir gerade jetzt ein großes Anliegen, mit meiner Arbeit einen Beitrag zu ihrem Erhalt zu leisten.

 

Die Betzavta-Methode

Das hebräische Wort „Betzavta“ bedeutet Miteinander. Ziel ist es Demokratie erlebbar zu machen. Die Fähigkeit zur Konfliktlösung und das Recht auf freie Entfaltung für alle werden gefördert. Entwickelt wurde die Methode vom Adam Institute for Democracy and Peace in Jerusalem 1988.

Zur Person

Ola Frühwirth lebt mit ihrer Familie in Tirol. Seit 2019 ist sie selbstständige Trainerin in der Erwachsenenbildung. Sie setzt sich für eine Förderung des Demokratieverständnisses ein. Neben Demokratie-Workshops bietet Ola Frühwirth auch Gender und Diversity Trainings, Argumentationstraining gegen „Stammtischparolen“ und Anti-Bias Schulungen an. Sie war u.a. neben dem Politikwissenschaftler Peter Filzmaier am ersten Demokratie-Experiment des ORF beteiligt.

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