WISPER unterstützt Kinder beim Spracherwerb

In Wiens Kindergärten ist der Bedarf an Sprachförderung groß: Rund 26.000 der insgesamt etwa 88.000 Kindergartenkinder haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Mit WISPER (Wiener Spracherfahrung) hat das AIT Austrian Institute of Technology in enger Kooperation mit der Stadt Wien – Kindergärten eine KI-basierte Lösung entwickelt, die Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren spielerisch beim Spracherwerb unterstützt. WISPER wurde für den eAward 2026 in der Kategorie „Bildung und Soziales“ nominiert.
Hoher Förderbedarf
Die Technologie soll bestehende Sprachförderangebote ergänzen, pädagogische Fachkräfte entlasten und Kindern zusätzliche Möglichkeiten geben, Sprache in ihrem eigenen Tempo anzuwenden. „Bei WISPER geht es nicht darum, Technologie an die Stelle von Pädagogik zu setzen. Es geht darum, Kindern zusätzliche Räume zum Sprechen zu eröffnen und gleichzeitig die wertvolle Arbeit der Sprachförderkräfte zu unterstützen“, erklärt Georg Regal, Projektleiter am AIT. Die Technik steht im Hintergrund, im Vordergrund stehen das Kind, seine Neugier und seine ersten Sätze.
Ein Telefon hört zu
Die Idee hinter WISPER ist bewusst einfach: Ein Kind nimmt einen Telefonhörer ab und beginnt zu erzählen. Eine freundliche, geduldige Stimme hört zu, antwortet, stellt Fragen und entwickelt gemeinsam mit dem Kind Schritt für Schritt eine Geschichte – genau wie das Kind es sich wünscht, der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Orte oder Figuren der Geschichte sowie die Handlung entstehen im Lauf des Gesprächs. Ausgehend von ersten Konzepten wie einer „sprechenden Puppe“ oder einer „sprechenden Eisenbahn“ erwies sich im Projektverlauf ein kindgerecht gestaltetes, „klassisches“ Telefon mit Hörer zum Abnehmen als besonders geeignete Hardware. Im Mittelpunkt stand dabei von Beginn an eine User Experience, die den Bedürfnissen und Fähigkeiten von Kindergartenkindern entspricht. Was wie ein einfaches Gespräch wirkt, basiert auf einem präzise entwickelten pädagogischen und technischen Konzept. Dabei steht die spielerische Beschäftigung mit Sprache im Vordergrund. Das Kind entscheidet selbst, wie lange es „telefonieren“ und seine Geschichte weiterentwickeln möchte. Zum Abschluss wird als kleine Belohnung ein Bild zur entstandenen Geschichte über den integrierten Drucker des Telefons ausgegeben.
Sprachförderung zur Unterstützung von Pädagog:innen
Eine besondere Rolle spielt der Umgang mit Mehrsprachigkeit. WISPER kann Äußerungen in den gängigsten Sprachen verstehen, antwortet jedoch konsequent auf Deutsch. Wenn einem Kind ein deutsches Wort fehlt, kann es vorübergehend auf seine Erstsprache zurückgreifen, ohne dass der Gesprächsfluss abreißt. Damit soll WISPER eine Gesprächssituation schaffen, in der Kinder ohne Angst vor Fehlern sprechen können. Im Mittelpunkt stehen Redefluss, Vertrauen und die Erfahrung, verstanden zu werden. Auf diese Weise geht es nicht nur um den Aufbau von Sprachkompetenz, sondern auch um Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. WISPER soll dank KI-Technologie zusätzliche Übungsmöglichkeiten schaffen und Fachkräfte entlasten. Dadurch kann mehr Zeit für jene Kinder zur Verfügung stehen, die eine besonders intensive persönliche Begleitung benötigen. Darüber hinaus können die Gespräche Informationen über die individuellen Sprachentwicklungsverläufe liefern. Diese Daten sollen eine evidenzbasierte Grundlage schaffen, um Sprachförderung noch gezielter auf die Bedürfnisse einzelner Kinder abzustimmen.
Aktuell befindet sich WISPER im Pilotbetrieb in einem Kindergarten in Wien-Floridsdorf. Die Erfahrungen fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung der Lösung ein. Im Schuljahr 2026/27 ist ein erweiterter Testbetrieb in Kindergärten in ganz Wien vorgesehen.


