Neurodivergenz in der IT: spezielle Begabung gefragt

Die Zusammenarbeit von Kapsch TrafficCom und „Responsible Annotation“, Verein zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts im KI-Umfeld, startete 2019 mit einem Pilotprojekt zur Neurodivergenz in der IT. 2022 erfolgte dann die offizielle Gründung des Vereins. Ziel der breit angelegten Kooperation: Menschen mit Behinderung soll es ermöglicht werden, wertschöpfende Leistung im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) im Rahmen eines Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnisses zu erbringen. Für Kapsch TrafficCom, Spezialist im Bereich Verkehrsmanagement, ist der Einsatz von Mitarbeitenden mit besonderen Fähigkeiten ebenfalls wesentlich – und zwar vor allem in den Bereichen automatische Kennzeichenerkennung und Fahrzeugklassifizierung.
Wir haben Johannes Rogi, Kapsch TrafficCom-Kommunikationsmanager, und Martin Hartl, Vorsitzender des Vereins „Responsible Annotation“ (RA), getroffen und mit ihnen über Diversität, insbesondere über Neurodivergenz in der IT – Menschen im Autismusspektrum und Annotation – gesprochen.
Johannes Rogi, seit wann beschäftigt sich Kapsch TrafficCom mit dem Thema Diversität und Inklusion?
Diversity spielt bei Kapsch TrafficCom schon lange eine Rolle, spätestens seit 2019 ist es auch in konkreten Initiativen sichtbar, etwa dem Aufbau des „Responsible Annotation Teams“. Übergeordnet werden entsprechende Maßnahmen unter diversity@kapsch gebündelt. Dabei handelt es sich um ein Rahmenkonzept für alle Aktivitäten im Bereich Diversität und Inklusion innerhalb der Kapsch Group. Ziel ist es, die unterschiedlichen Dimensionen von Vielfalt im Unternehmen sichtbar zu machen und gezielt zu fördern.
Martin Hartl, was bedeutet der Vereinsnamen „Responsible Annotation“ (RA)?
Für uns steht „Responsible“ für verantwortungsvolles Handeln. „Annotation“ im KI-Umfeld bedeutet das händische Markieren bzw. Kennzeichnen von Daten. So können Maschinen lernen, diese Daten zu verstehen und zu analysieren, damit ein Algorithmus gelernt werden kann. Markiere ich beispielsweise eine Vielzahl an Katzen-Bildern immer nach den gleichen und exakt definierten Regeln und füge die Eigenschaft „Katze“ hinzu, lernt die KI eine Katze selbst zu erkennen. In der KI-Annotation haben wir in einem Pilotprojekt mit Kapsch TrafficCom entdeckt, dass besonders Menschen im Autismusspektrum für diese Aufgabe eine spezielle Begabung aufweisen.
Wie profitiert Kapsch TrafficCom von der Zusammenarbeit mit dem Verein?
Die Kolleg:innen vom Annotationsteam, besonders Personen mit Autismus (Fachbegriff: Autismus-Spektrum-Störung / ASS), verfügen über hohe Genauigkeit, Verlässlichkeit und eine starke Eignung für sehr strukturierte Aufgaben. Gerade in der Datenannotation und -validierung, wo es auf Präzision und Wiederholgenauigkeit ankommt, kann dies ein großer Vorteil sein. Speziell Menschen mit Autismus sind für Annotation geeignet, da hohe Konzentration, Genauigkeit und Resilienz erforderlich sind, diese oftmals repetitive Arbeit auf höchstem Niveau zu erledigen. Dies bestätigt auch eine medizinische Studie der JKU Linz.
Letztendlich entscheiden immer die individuellen Fähigkeiten des jeweiligen Bewerbers, ob die Jobkenntnisse den Anforderungen entsprechen. Kapsch TrafficCom fördert diese Personengruppe, weil wir Inklusion als unternehmerische Verantwortung betrachten und zugleich einen konkreten Mehrwert für unser Unternehmen erreichen. Das Projekt zeigt, dass soziale Teilhabe und wirtschaftlich relevante Leistung kein Widerspruch sind. Menschen, die am regulären Arbeitsmarkt häufig geringe Chancen erhalten, können im Verein ihre Fähigkeiten in einem realen beruflichen Umfeld einbringen. Aktuell arbeiten 15-20 Personen für das KI-Projekt im Annotation-Verein.
Wie geht es für die Teilnehmenden nach der Ausbildung weiter?
Die gesamte KI-Ausbildung wird beim Verein durchlaufen und ist eine Voraussetzung, um dann das Arbeitstraining bei Kapsch TrafficCom zu beginnen. Es wurden schon einige Kolleg:innen aufgrund des Arbeitstrainings beim Verein übernommen, dafür gibt es aber keine Garantie. Kapsch TrafficCom akquiriert die Ausgebildeten vor allem für Anwendungen in den Bereichen der automatischen Kennzeichenerkennung und Fahrzeugklassifizierung. Schließlich begleitet der Verein Responsible Annotation unser Datenteam – vor allem im Rahmen von Arbeitstrainings und bei der Eingliederung neuer Mitarbeitender in unserem Unternehmen.
Das Annotationsprojekt wurde für den Zero Project Award 2025 nominiert, worum geht es bei dieser Auszeichnung?
Rogi: Die 2008 von der Essl Foundation ins Leben gerufene Initiative (Zero Project) unterstützt weltweit Rechte von Menschen mit Behinderungen. Dabei geht es um die internationale Sichtbarkeit und Anerkennung von Initiativen, die die Rechte und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen stärken. Im Kern ist das Ziel, jungen Menschen mit Behinderungen den Einstieg in wertschöpfende Tätigkeiten im Bereich Datenannotation und -validierung zu ermöglichen, also in einen Arbeitsbereich, der für die Entwicklung moderner KI essenziell ist. Die Nominierung würdigt Unternehmen für ihren Einsatz zur Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) und der UN-Behindertenrechtskonvention (UN CRPD). Das Annotation-Projekt wurde aus einem Pool von mehr als 500 Projekten aus 90 Ländern ausgewählt.
Martin Hartl, Ihr Verein ist Preisträger des eAward, des Wirtschaftspreises für Digitalisierungsprojekte, verliehen vom Fachverlag Report. Für welches Projekt wurden sie ausgezeichnet?
Wir haben das Webtool „Training-Station“ entwickelt, mit dem man Annotation ausprobieren kann. Dadurch gelang es uns, die Abbruchquote des Arbeitstrainings bei Kapsch mehr als zu halbieren. Dabei haben wir mit dem Software Competence Center Hagenberg und mit der Johannes-Kepler-Uni Linz zusammengearbeitet, die begleitend ein partizipatives Forschungsprojekt mit Autist:innen und Gehörlosen durchgeführt hat. Weiters waren Annotationsexpert:innen von Kapsch TrafficCom, Peer-Vertretungen und Sozialinstitutionen, die im Bereich berufliche Inklusion tätig sind, am Projekt beteiligt. Ziel war ein barrierefreies Tool zu entwickeln, mit dessen Hilfe man spielerisch Feedback bekommt, ob Annotation ein mögliches Berufsfeld sein kann. Das ist uns gelungen.
Bei Kapsch stehen auch andere Diversity-Dimensionen im Fokus. Worum geht es bei Ihrem Inklusionsprogramm women@kapsch?
Rogi: Dieses Programm fördert die globale Vernetzung von motivierten weiblichen Mitarbeitern. Zudem gibt es das Projekt „Women Mentoring“, um Mitarbeiterinnen zu ermutigen, ihre Kompetenzen aktiver zu nutzen und ihr Potenzial nachhaltig und sichtbar zu entwickeln. Unsere Rekrutierungspolitik zielt außerdem darauf ab, den Anteil von Frauen in allen Funktionen, einschließlich Führungspositionen, zu erhöhen. Die Personalverantwortlichen sind verpflichtet, aktiv nach weiblichen Talenten zu suchen und auf Vielfalt ausgerichtete Praktiken in den Einstellungsprozess einzubeziehen. Eine Frauenbeauftragte kümmert sich zudem als Hauptansprechpartnerin um Frauen, die mit Diskriminierung, Vorurteilen oder Ungleichbehandlung konfrontiert sind. Diese Beauftragte bietet Frauen eine sichere und unterstützende Möglichkeit, ihre Anliegen vorzutragen, sich beraten zu lassen und Zugang zu Ressourcen zu erhalten.
Facts & Figures
- Kapsch TrafficCom ist ein weltweit anerkannter Anbieter von Verkehrslösungen für nachhaltige Mobilität, mit Projekterfolgen in mehr als 50 Ländern. Innovative Lösungen in den Anwendungsbereichen Maut und Verkehrsmanagement tragen zu einer gesünderen Welt ohne Staus bei.
- Mit One-Stop-Shop-Lösungen deckt das Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette der Kunden ab, von Komponenten über Design bis zu der Implementierung und dem Betrieb von Systemen.
- Kapsch TrafficCom, mit Hauptsitz in Wien, verfügt über Tochtergesellschaften und Niederlassungen in mehr als 25 Ländern und notiert im Segment Prime Market der Wiener Börse.
- Im Geschäftsjahr 2025/26 erwirtschafteten rund 2.700 Mitarbeiter:innen einen Umsatz von 431 Mio. Euro.
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