Integration: eine bewusste Entscheidung

Rasha, du hast selbst Migrationserfahrung … Wie hat dich deine Ankunft in Österreich geprägt – und wie beeinflusst das heute deinen Blick auf Integration?
Ich bin am 2. Juni 2009 nach Österreich gekommen – nicht als Geflüchtete, sondern als Migrantin. Ich war mit einem Österreicher verheiratet und habe mit ihm zuvor in Kairo und Damaskus gelebt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits zwei kleine Töchter, eine davon war damals erst sechs Monate alt. Meine dritte Tochter ist dann in Wien auf die Welt gekommen.
Meine ersten Jahre in Österreich waren geprägt davon, eine neue Sprache zu erlernen, in eine neue Kultur einzutauchen und auch von vielen bürokratischen Hürden. Rückblickend stelle ich fest: Integration ist mehr als Überleben. Sie ist ein langfristiger Prozess. Erst wenn Menschen das Gefühl haben, nicht nur geduldet, sondern wirklich willkommen zu sein, kann Integration nachhaltig gelingen.
Wie hast du deine Ankunft erlebt? Wann hast du gemerkt, dass du wirklich angekommen bist?
Ich kam wie gesagt nicht als Geflüchtete, sondern als Migrantin. Dieser Unterschied ist wichtig – und trotzdem hat mich der Integrationsprozess genauso behandelt wie Geflüchtete: mit Formularen, Einordnung, Panikattacken bei der MA 35 und fast zehn Jahren bis zur Staatsbürgerschaft. Die Botschaft war klar: Ich musste mir meinen Platz erst verdienen, bevor ich ihn beanspruchen durfte.
In den ersten Jahren war ich im Überlebensmodus. Wirklich angekommen bin ich erst 2012, als ich mich zur Stadtführerin-Ausbildung angemeldete – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Zwei Jahre saß ich in Vorlesungen und verstand fast nichts. Was mich hielt, war die Überzeugung, dass ich in diesen Raum gehörte, ob er es schon wusste oder nicht. Der Tag meines Abschlusses war der Moment, in dem meine innere Integration und die formale Anerkennung durch die Institution zusammenfielen. Das war mein Ankommen.
Was sind aus deiner Sicht die drei wichtigsten Faktoren, die „Ankommen“ ermöglichen?
Erstens: Ich wollte so schnell wie möglich Deutsch lernen. Sprache war für mich der Schlüssel zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Zweitens: Ich wollte nicht nur Mutter sein, sondern auch beruflich meinen eigenen Weg gehen. Eine sinnvolle Aufgabe, sei es durch Arbeit oder Ausbildung. Dieses Mindset hat mir nicht nur finanzielle Unabhängigkeit gegeben, sondern auch Selbstvertrauen und das Gefühl, einen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können.
Drittens: Ich habe soziales Kapital aufgebaut, also Kontakte und Freundschaften außerhalb meiner Familie. Gerade diese Begegnungen haben mir geholfen, Österreich besser zu verstehen, meinen Horizont zu erweitern und mich wirklich als Teil der Gesellschaft zu fühlen.
Du selbst sprichst perfekt Deutsch – welche Rolle spielt deiner Erfahrung nach Sprache für das Gelingen von Integration?
Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Gute Deutschkenntnisse sind entscheidend für Bildung, Beschäftigung und soziale Kontakte. Wie schnell Menschen eine Sprache lernen, hängt jedoch von vielen Faktoren ab – etwa vom Bildungsniveau, der Aufenthaltsdauer, den Lebensbedingungen und den Möglichkeiten, Deutsch im Alltag anzuwenden. Gleichzeitig gilt: Sprache allein garantiert keine Zugehörigkeit. Ich spreche fließend Deutsch und weiß aus eigener Erfahrung, dass Integration mehr ist als Grammatik und Wortschatz. Es geht auch darum, ernst genommen zu werden, Vertrauen aufzubauen und Teil der Gesellschaft zu sein. Sprache ist deshalb eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für gelungene Integration.
Warst du schon in Syrien als Beraterin tätig, wie kam es zu dieser Tätigkeit in Österreich?
In Syrien war ich in einem anderen Bereich tätig, aber eines ist immer gleichgeblieben: Ich habe immer direkt mit Menschen gearbeitet. Als 2015 die große Flüchtlingswelle nach Österreich begann, hatte ich das Gefühl, dass ich einen Beitrag leisten muss.
Ich wollte den Geflüchteten die österreichische Kultur und Gesellschaft näherbringen. Mir war wichtig zu erklären, was Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Alltag bedeuten und warum diese Werte das Fundament einer erfolgreichen und stabilen Gesellschaft sind.
Mein Ziel war dabei nie, Menschen ihre eigene Kultur zu nehmen. Ich wollte Brücken bauen, Verständnis schaffen und zeigen, welche Werte Österreich stark machen und wie wir gemeinsam daraus eine bessere Zukunft gestalten können.
Gab es einen Moment, in dem du gespürt hast, dass deine Arbeit politisch etwas bewegt?
Ich habe mich immer klar zu Themen wie Kopftuch, Sozialleistungen, Meldepflicht, Kinderbetreuung, Schlepperei, Jugendkriminalität oder Arbeitsmarktintegration geäußert. Dabei ging es mir nie um Schlagzeilen, sondern darum, konstruktive Lösungen aufzuzeigen.
Ich glaube daran, dass Veränderung Schritt für Schritt entsteht. Ich sehe mich dabei oft wie eine kleine Ameise: Jeder einzelne Beitrag mag klein erscheinen, aber mit Ausdauer entsteht etwas Größeres. Wenn meine Arbeit dazu beiträgt, Denkanstöße zu geben oder politische Entscheidungen positiv zu beeinflussen, dann hat sie ihren Zweck erfüllt.
Wo siehst du gerade aus deiner Erfahrung aus Projekten beim Österreichischen Integrationsfonds die größten Hürden, auch Missverständnisse und Vorurteile, in der Integrationsdebatte?
Aus meiner Projekterfahrung beim Österreichischen Integrationsfonds heraus sehe ich zwei zentrale Missverständnisse: Zum einen wird Integration oft als reine Bringschuld der Zugewanderten verstanden – aber sie gelingt nur, wenn auch die Aufnahmegesellschaft den Ankommenden gegenüber offen ist. Zum anderen wird Integration häufig mit Assimilation verwechselt. Viele erwarten, dass Menschen mit Migrationshintergrund genauso leben wie die Mehrheitsgesellschaft. Integration bedeutet jedoch nicht, die eigene Identität aufzugeben, sondern sich bewusst für ein Leben in Österreich zu entscheiden – die Sprache zu lernen, die Gesetze und Werte zu respektieren und aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen. Diese Erwartung wird oft enttäuscht, was die Integrationsdebatte in der Öffentlichkeit unnötig negativ prägt.
Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Politik und Gesellschaft – und andererseits für die Migrant:innen selbst?
Für die Politik besteht die größte Herausforderung darin, Integration langfristig und strategisch zu gestalten. Österreich verfügt über ein enormes Potenzial an jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Dieses Human Capital muss durch gezielte Bildungswege, eine schnellere Anerkennung von Qualifikationen und eine stärkere Arbeitsmarktintegration in dringend benötigte Fachkräfte verwandelt werden. Gleichzeitig braucht es eine klare Trennung zwischen Arbeitsmarktintegration und sozialer Integration – denn beide erfordern unterschiedliche Instrumente.
In der sozialen Integration sind vor allem lokale und private Initiativen wichtig: Begegnungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten schaffen Vertrauen, vermitteln Werte und gesellschaftliche Regeln und helfen beim Aufbau sozialer Netzwerke. Für Migrant:innen ist es die größte Herausforderung, die Balance zwischen der eigenen Identität und der Integration in die österreichische Gesellschaft herzustellen. Unterschiedliche Vorstellungen von Gleichberechtigung oder Kindererziehung können etwa bei zugewanderten Familien zu Unsicherheit führen. Deshalb braucht es mehr Aufklärung, Elternbildung und niederschwellige Beratungsangebote, damit Familien ihren Platz in der Gesellschaft finden und Kinder gute Zukunftsperspektiven entwickeln können.
Welche strukturellen Hürden erschweren Integration besonders – vor allem in Hinblick auf Bildung und Arbeitsmarkt?
Die größten strukturellen Hürden für erfolgreiche Integration liegen im Bildungs- und Arbeitsmarktsystem. Im Bildungsbereich ist die frühe Selektion mit zehn Jahren gerade für Kinder mit Migrationshintergrund eine entscheidende Weichenstellung, die später oft nur schwer zu korrigieren ist.
Am Arbeitsmarkt werden Qualifikationen von Migrant:innen häufig nicht ausreichend genutzt. Lange und bürokratische Anerkennungsverfahren, hohe Sprachanforderungen sowie fehlende soziale Netzwerke führen oft dazu, dass viele Menschen trotz guter Ausbildung unter ihrem Qualifikationsniveau arbeiten. Gleichzeitig erleben Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika trotz vergleichbarer Qualifikationen häufiger Benachteiligungen am Arbeitsmarkt.
Wie steht es insbesondere um die berufliche Inklusion von Frauen und Jugendlichen?
Für Frauen ist die Kinderbetreuung einer der größten Engpässe. Fehlende Betreuungsplätze erschweren den Besuch von Sprach- und Qualifizierungskursen, während traditionelle Rollenbilder die Erwerbstätigkeit zusätzlich beeinflussen können. Bei Jugendlichen ist der Übergang von der Schule in Ausbildung oder Beruf besonders kritisch. Hier braucht es frühzeitige Orientierung und gezielte Förderung, damit Potenziale nicht verloren gehen. Gerade angesichts des Fachkräftemangels kann es sich Österreich nicht leisten, dieses Human Capital ungenutzt zu lassen.
In welchen Bereichen kann man ansetzen, um Brücken zu schlagen?
Brücken entstehen immer dort, wo Menschen einander begegnen, und nicht dort, wo übereinander gesprochen wird. Das reicht von generationenübergreifenden Projekten, etwa wenn geflüchtete Frauen und Jugendliche mit älteren Wiener:innen in Kontakt treten, bis zu Mentoring am Arbeitsplatz. Aber auch Medien spielen eine Schlüsselrolle: Die Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte in „normalen“, nicht-defizitären Rollen kann die Wahrnehmung nachhaltig verändern. Und: Brücken brauchen Räume der Begegnung auf Augenhöhe – nicht Programme, die von oben herab „vermitteln“.
Was bringt Inklusion der österreichischen Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt? Welchen speziellen Beitrag können Arbeitskräfte aus dem Ausland leisten?
Inklusion ist keine Sozialpolitik, sondern Wirtschafts- und Zukunftspolitik. Österreich steht vor einem massiven Fachkräftemangel und kann es sich nicht leisten, vorhandene Talente ungenutzt zu lassen. Viele Menschen mit Migrationshintergrund bringen Qualifikationen, Berufserfahrung, Mehrsprachigkeit und internationale Netzwerke mit. Dennoch arbeiten viele unter ihrem Ausbildungsniveau, weil Anerkennungsverfahren langwierig sind oder soziale Netzwerke fehlen.
Eine erfolgreiche Inklusion stärkt daher nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs. Gleichzeitig fördern gemischte Teams Innovation, interkulturelle Kompetenz und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kurz gesagt: Gelingende Inklusion nützt nicht nur den Zugewanderten – sie ist ein Gewinn für Wirtschaft, Gesellschaft und den Standort Österreich.
Welche besonderen Perspektiven, Kompetenzen oder Denkweisen bringen Menschen mit Migrationsgeschichte in Teams ein?
Menschen mit Fluchterfahrung entwickeln oft eine außergewöhnliche Resilienz und Problemlösungskompetenz. Sie müssen in kürzester Zeit neue Systeme verstehen, sich in unbekannten Strukturen zurechtfinden und improvisieren. Das sind Fähigkeiten, die in dynamischen, komplexen Arbeitsumgebungen enorm wertvoll sind. Dazu kommt eine kulturelle Übersetzungsfähigkeit, das Denken in mehreren Bezugssystemen gleichzeitig. Das zeigt Teams oft blinde Flecken auf, die homogene Gruppen nicht sehen können.
Was bedeutet für dich „erfolgreiche Integration“ konkret – und woran lässt sie sich messen?
Erfolgreiche Integration ist für mich mehr als Erwerbstätigkeit oder Sprachniveau. Für mich bedeutet es, dass Menschen das Gefühl haben, mitgestalten zu können und nicht nur angepasst zu sein. Messbar wird das an gesellschaftlicher Teilhabe: politisches und zivilgesellschaftliches Engagement, soziale Netzwerke über die eigene Community hinaus und ob die nächste Generation bessere Chancen hat als die erste. Erfolgreiche Integration zeigt sich letztlich daran, ob sich Zugehörigkeit gegenseitig entwickelt und nicht nur einseitig eingefordert wird.
Was gibt dir aktuell Hoffnung in der Integrationsdebatte?
Es bewegt sich derzeit einiges, zum Beispiel die Debatte um ein Kopftuchverbot – auch wenn jetzt noch einige Diskussionen zu erwarten sind. Auch die Rückkehrprogramme nach Syrien stimmen mich hoffnungsvoll: Syrien braucht sein qualifiziertes Humankapital, um das Land wieder aufzubauen, und viele Menschen, die in Österreich ausgebildet wurden, können dabei eine wichtige Brückenfunktion übernehmen.
Hoffnung macht mir außerdem eine Politik, die eine klare, gesamtösterreichische Integrationsstrategie verfolgt. Statt unterschiedliche Ansätze in den einzelnen Bundesländern braucht es eine gemeinsame Vision, die Potenziale erkennt und insbesondere junge Menschen fördert, anstatt den Fokus vor allem auf Defizite zu legen.
Zur Person: Rasha Corti
- Rasha Corti ist Integrationsexpertin und Mitglied des unabhängigen Expertenrats für Integration im Bundeskanzleramt.
- Sie engagiert sich seit vielen Jahren für erfolgreiche Integration, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stärkung von Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte.
- Sie bringt ihre Expertise regelmäßig als Vortragende, Keynote-Speakerin und Medienexpertin in die öffentliche Debatte ein und wirkt an Projekten des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) mit.
- Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Wertevermittlung, Arbeitsmarktintegration und gesellschaftliche Teilhabe.


