Zeit der Veränderung: Talk mit Politikberater Thomas Hofer

Wir befinden uns inmitten eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses. Von welchen Faktoren wird dieser überwiegend bestimmt?
Natürlich zuallererst von den Lebensrealitäten von Menschen. Je mehr Menschen in ihrer nächsten Umgebung – geografisch oder auch persönlich – mit anderen in Berührung kommen, desto eher entwickelt sich das Verständnis für Vielfalt. Klar, das hat auch damit zu tun, wie offen diese Konzepte gelebt werden. Am deutlichsten hat man das im fast radikalen Wandel der Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlich lebenden Menschen gesehen. In dieser Hinsicht hat sich das Meinungsbild binnen weniger Jahrzehnte umgekehrt.
Gibt es ein vergleichbares Beispiel, also einen Zeitabschnitt in der Geschichte, mit dem der heutige Veränderungsprozess vergleichbar ist?
Ich bin kein Historiker und will mich auch nicht als solcher aufspielen, aber in einer derart kurzen Zeit wie heute sind Transformationen im Lauf der Geschichte wohl selten vor sich gegangen. Natürlich hat die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit all seinem Leid auch einen sehr klaren Bruch in den Einstellungen – und auch in den Konsequenzen, etwa auch hinsichtlich der Herausbildung internationaler und supranationaler Institutionen – mit sich gebracht … Die Art des Impacts durch den Weltkrieg war allerdings kaum mit unserer Gegenwart vergleichbar.
Veränderung bringt immer auch Ängste mit sich – welche Rolle spielen diese aktuell für die gesellschaftliche, politische bzw. wirtschaftliche Entwicklung und wie können wir damit umgehen?
Natürlich kann es im Zuge einer Transformation auch zu einer Rückwärtsentwicklung kommen – in westlichen Demokratien passiert das wohl in der Form, dass man Entwicklungen als zu weitreichend oder jedenfalls nicht prioritär zu behandeln betrachtet. Da können die mannigfachen ökonomischen und auch militärischen Krisen negativ wirken. Man hat auch eine gewisse Ideologisierung von Themen, etwa unter dem Titel „Wokeness“, gesehen – in diesem Bereich in den parteipolitischen Strudel gezogen zu werden, tut in einer polarisierten Meinungslandschaft natürlich nicht gut, denn gewisse Fragen sollten keine Parteifarbe haben.
Welchen Stellenwert hat Vielfalt in diesen Prozessen der Veränderung? Kann sie als Katalysator wirken?
Veränderung kann bottom-up oder top-down geschehen. In Österreich hat man den Eindruck, dass die meisten Parteien derzeit eher von Ereignissen Getriebene denn Treiber sind. Aber es gibt auch Bewegungen – darunter jene, die Donald Trump angestoßen hat – die eine Wucht dagegen entwickeln. Natürlich können diese entscheidend sein, aber sie müssen nicht immer eindimensional in eine Richtung gehen. Wenn Veränderung negativ geframed wird, kann das auch eine andere Entwicklung nehmen. Obendrein gibt es externe Faktoren wie etwa die Covid-Pandemie, die eine Rolle spielen. So hat die Pandemie Veränderungen im Arbeitsprozess mit sich gebracht, die zwar vielleicht ohnehin, aber sicher nicht so rasch gekommen wären.
Speziell junge Menschen haben neue Anforderungen an das Arbeiten an sich sowie an das Arbeiten in Teams. Inwieweit können Unternehmen und Institutionen diese für sich und ihren Erfolg nutzen?
„Early adopters“ sind natürlich auch in der Unternehmenswelt im Vorteil. Anstatt über Veränderungen zu lamentieren, kann man sich auch auf sie einstellen. Wer diese geänderten Rahmenbedingungen also in die angebotenen Profile integriert, hat sicher bessere Chancen, auch in Zeiten des Arbeitskräftemangels qualifiziertes Personal zu bekommen.
Besteht die Möglichkeit für eine Gesellschaft aus sich heraus sozialer, respektvoller im Umgang mit den einzelnen zu werden? Was braucht es in dieser Hinsicht für eine positive Veränderung?
Die Möglichkeit besteht schon – und gerade eben auch die schon erwähnte, deutlich gewachsene Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ist dafür ein Indiz. Aber man braucht nicht naiv zu sein: Wir befinden uns in einer Zeit, in der Meinungen, durchaus auch bewusst polarisierend inszeniert, in einem Wettstreit stehen. Auch die politische Botschaft, dass es ein „Zurück“ zu „besseren Zeiten“ geben sollte, zeigt schon auch Potenzial in die andere Richtung. Insofern ist aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung für die gute Entwicklung eines respektvollen Umgangs auch eine gewisse Entideologisierung von Themen, denn in den negativen Strudel der ideologischen Auseinandersetzung wird man allzu schnell gezogen.
Der Begriff „Gemeinwohl“ schien zuletzt ein wenig aus der Mode gekommen – sehen Sie eine Chance, dass er ein Revival erlebt?
Die Frage ist immer, was man darunter versteht. Natürlich hat der Begriff nach wie vor Potenzial. Aber es gibt auch eine Art Spin-Schlacht um die Bedeutung von Begriffen. Und die Frage ist, wer sich dabei mit seiner Interpretation durchsetzt. Der Begriff Gemeinwohl-Ökonomie wurde zum Beispiel ja durchaus sehr kontroversiell diskutiert und von manchen auch als eine Art Kommunismus in netter Aufmachung gebrandmarkt.
Inwieweit prägt das Auseinanderdriften einzelner bzw. von ganzen Gruppen unsere Gesellschaft und wie können wir gegensteuern, um ein solides Fundament nicht zuletzt für unsere Demokratie zu schaffen?
Ich beobachte im Bereich Medienvielfalt, dass zuletzt jene Plattformen, die einen zielgruppenübergreifenden Plattformcharakter besitzen, sehr stark unter Druck geraten sind. Das ist natürlich keine gute Entwicklung, denn für den Meinungsaustausch müssen wir uns schon auch andere Meinungen zumuten. Wenn Menschen nur mehr jene Nachrichten konsumieren, die das bisher Geglaubte verstärken, und das dann auch noch emotional aufladen, ist das sicher eine Fehlentwicklung.
Welche Bedeutung kommt aus Ihrer Sicht dem Bildungsbereich zu und inwieweit kann er eine positive Rolle im aktuellen Transformationsprozess spielen? In welchen Hinsichten sind Pädagog:innen wie Politik gefordert?
Schaut man sich die Entwicklungen in Sachen Fake News und die Möglichkeiten, die etwa Künstliche Intelligenz hier noch spielen wird – z.B. in der Entwicklung und Distribution von manipuliertem Videomaterial – an, ist der Bildungsbereich wohl jener, der am zentralsten ist, um gegenzusteuern. Derzeit lassen wir es als Gesellschaft zu, dass es zu einer Art medialer Analphabetisierung kommt, Menschen also zwischen vertrauenswürdigen bzw. echten Nachrichtenquellen und solchen, die das nicht sind, kaum mehr unterscheiden können. Diese Fähigkeit ist in Zukunft aber spielentscheidend, wenn es um das Grundvertrauen in Demokratie geht. In diesen Bereich kann also gar nicht genug investiert werden. Wobei auch klar ist, dass sich diese Bildungsarbeit nicht allein auf die Schule reduzieren kann und darf.
Herr Hofer, können Sie für uns einen kleinen Blick in die sogenannte Glaskugel machen: Wenn wir in 30 Jahren auf unsere Gesellschaft von heute schauen – was werden wir rückwirkend feststellen? Wo liegen die großen Weichenstellungen, die aus Zukunftssicht entscheidend gewesen sein könnten?
Nun, eine Glaskugel hat keiner und das ist auch gut so. Zukunft ist in jede Richtung gestaltbar, und das ist auch die beste Methode, um jene, die glauben eine Glaskugel zu besitzen, als Scharlatane zu enttarnen. Es ist einfach unseriös zu glauben, man könne wissen, was in 30 Jahren ist. Klar ist, dass wenn wir etwa beschriebene Maßnahmen im Bildungsbereich ergreifen, diverse negative Entwicklungen, die wir heute sehen, auch wieder eingedämmt werden können.
Derzeit geht das in eine nicht so optimistisch stimmende Richtung. Aber das muss ja nicht so bleiben. Ich kann mir vorstellen, dass in Zukunft deutlich mehr Menschen im Bereich der „Demokratiearbeit“ tätig sein werden. Eines sind wir heute nämlich ganz sicher – demokratiepolitisch gewissermaßen wohlstandsverwahrlost. Wir waren uns, was den Siegeszug der Demokratie angeht, zu sicher. Und deshalb glaube ich, dass es gut ist, wenn wir da wieder engagierter werden und uns mehr für diese Grundfeste eines offenen Zusammenlebens einsetzen. Möglich ist das natürlich. Ob’s passiert, kann ich aber natürlich nicht wissen.


