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Arbeitsmarkt: Gibt es einen Bewusstseinswandel?

Petra Draxl ist seit 2025 Vorständin des Arbeitsmarktservice (AMS). Mit diversityguide.at spricht sie über aktuelle Herausforderungen am Arbeitsmarkt, insbesondere für Gruppen wie ältere Arbeitnehmer:innen, Frauen, Menschen mit Behinderung und junge Menschen.
Text: Marion Breiter O’Donovan
© Tanja Hofer

Was bedeutet die Doppelbesetzung an der Spitze des Arbeitsmarktservice (AMS) – und welche Rolle spielt dabei die Tatsache, dass erstmals eine Frau diese Funktion innehat?

Ich habe mich in einer öffentlichen Ausschreibung für diese Funktion beworben und der Verwaltungsrat hat sich für mich ausgesprochen. Das war also ein sehr formeller Bewerbungsprozess. Ob das Kriterium „Mann oder Frau“ dabei eine Rolle gespielt hat, kann ich nicht beurteilen. Aber die Konsequenz meiner Besetzung war, denke ich, dass man glücklich darüber war, eine hochqualifizierte Expertin und Managerin für die Funktion zu finden.

Ich war vorher schon elf Jahre im AMS, Landesgeschäftsführerin der größten Teilorganisation und somit keine Unbekannte. Ich habe 30 Jahre meines Lebens in den unterschiedlichsten Funktionen in der Arbeitsmarktpolitik verbracht. Und das als Frau. Ich bringe einen sehr vielfältigen Lebenslauf und sehr unterschiedliche Management-Erfahrungen mit.

Welches Zeichen setzt das AMS mit einer Frau an der Spitze, insbesondere gegenüber anderen Frauen?

Wir sind eine Organisation, die großen Wert auf die Geschlechterverteilung in allen Führungsfunktionen legt. Wir haben ein eigenes Zielsteuerungs- und Controlling-System und vereinbaren immer für zwei Jahre, wie wir den Anteil steigern wollen. Bei den Regionalen Geschäftsstellenleitungen sind wir noch nicht ganz dort, wo wir sein wollen, ansonsten sind Frauen in den Führungsebenen mit über 50 Prozent gut vertreten.

Dass auf der Top-Ebene auch eine Frau steht, ist ein wichtiges Signal für die Organisation und dafür, was man beim AMS erreichen kann. Im öffentlichen Kontext ist es wesentlich, dass die öffentliche Hand vorangeht und sagt: Ja, Frauen können diese letzte Hürde der „gläsernen Decke“ durchbrechen. Wir sind im 21. Jahrhundert. Es ist schon eine Weile Zeit, dass Frauen auch auf diese Top-Ebene kommen können – im AMS, aber hoffentlich auch in anderen Institutionen und Unternehmen.

Welche Gruppen sind am Arbeitsmarkt derzeit besonders benachteiligt?

Die „Sorgenkinder“ sind für uns Menschen, die langzeitarbeitslos sind. Denn sie tun sich schwer, wenn wir eine langdauernde Stagnation haben, wieder in den Arbeitsmarkt hineinzukommen. Dazu gehören auch Menschen mit Behinderungen und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Circa 20 Prozent unserer Arbeitslosen haben irgendeine Form einer gesundheitlichen Einschränkung.

Natürlich beschäftigt uns auch die Gruppe der Menschen ab 55 plus sehr. Da setzt die Bundesregierung entsprechende Schwerpunkte zum Themenkomplex: Wie schaffen wir es, dass die Menschen in Österreich länger arbeiten? Gerade für Frauen ist das wichtig.

Wie kann es gelingen, dass Menschen auch mit 55, 60 oder 65 noch im Arbeitsleben bleiben?

Wir befinden uns in einem Prozess, in dem sich das Gesamtsystem umstellen muss. Wenn jemand 56 ist und sagt, er will noch etwas anderes machen, sollte ihn niemand aburteilen mit Aussagen wie „Du bist doch schon 56.“. Wir müssen das Bewusstsein dafür stärken, dass Menschen auch mit 56 noch etwas ändern wollen und dass Menschen mit 57 noch eine Karriere machen können. Dass man in diesem Alter noch Karriereschritte am Arbeitsmarkt setzen und eine Entwicklungsperspektive für die nächsten fünf, sechs, sieben, acht Jahre haben kann. Das müssen Unternehmen begreifen und auch die Menschen und die sozialen Umfelder.

Wir werden mehr hinsichtlich der gesundheitlichen Prävention tun müssen. Wir sollten uns in Österreich intensiver darum kümmern, wie Menschen gesund bleiben. Dabei geht es auch um die Eigenverantwortung der Menschen. Man ist auch selbst für die eigene Gesundheit verantwortlich und sollte sich darum kümmern.

Was tut das AMS, um einen Bewusstseinswandel in Gang zu setzen?

Wir versuchen in unseren Kampagnen wie z.B. „AMS on Tour“ Unternehmen darauf aufmerksam zu machen, dass sie bei der Auswahl von Mitarbeitenden nicht von vornherein diskriminieren sollten. Dass sie nicht sofort aufs Geburtsdatum schauen und sagen: Die Person will ich gar nicht erst sehen, weil sie altersmäßig nicht meinen Kriterien entspricht. Sondern dass sie freier auf Personen zuzugehen und fragen: Was kannst du? Welche Kompetenzen hast du? Was kannst du einbringen? Wir wollen der Wirtschaft vermitteln: Die Altersgruppe 55 bis 65 ist ein gutes Potenzial für dich als Unternehmen.

Man kann feststellen, dass die Beschäftigung Älterer stark gestiegen ist. In Zahlen: 2003 hatten wir eine Erwerbsquote der 55-Jährigen von 30,3 Prozent. 2024 waren es 58,8 Prozent.

Welche Schwerpunkte setzt das AMS konkret?

Menschen 55 plus am Arbeitsmarkt ist aktuell ein Schwerpunkt, auch in Kampagnen und in der Öffentlichkeitsarbeit gemeinsam mit dem Sozialministerium. Das politische Ziel ist, dass Menschen bis zu ihrem regulären Pensionsantritt in Beschäftigung bleiben können.

Einen Schwerpunkt legen wir auf Frauen, z.B. in der Technik. Qualifizierung ist generell ein großes Thema: Wie können Menschen höher qualifiziert werden oder ihren Abschluss bekommen? Es gibt das Pflegestipendium, mit dem wir schauen, dass Menschen im Gesundheitsbereich ausgebildet werden. Und natürlich etliche Unterstützungen für Menschen, die langzeitarbeitslos sind. Ein weiterer Schwerpunkt sind Jugendliche, insbesondere junge Menschen bis 25.

Wie wirken sich regionale Unterschiede, insbesondere durch Stadt / Land, auf Jugendliche aus?

Für die jungen Menschen, die bei uns registriert sind, liegt der Fokus darauf, dass sie eine Ausbildung erhalten. Junge arbeitslose Menschen leben mehrheitlich in Wien und anderen Städten. Im städtischen Kontext sind die Chancen für junge Menschen schlechter. In Wien haben wir den größten Lehrstellenmangel. Da treffen vier Jugendliche auf eine offene Lehrstelle. In Bundesländern wie Oberösterreich oder teilweise Kärnten haben wir eine Lehrstelle und ein Minus an Jugendlichen. Das erhöht ihre Möglichkeit, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, führt aber umgekehrt auch dazu, dass Ausbildungsplätze reduziert werden, weil sie nicht mehr besetzt werden können.

Das hängt stark mit Demografie und Migration zusammen. Dort, wo der Migrantenanteil höher ist, sind auch mehr junge Menschen im Land. Unsere Vermittlung ist überregional und wir versuchen, jungen Menschen zu zeigen, dass man nicht nur im Studium mittels Erasmus flexibel sein kann, sondern auch auf der Ebene eines Lehrberufs. Man kann seine Lehrausbildung auch in anderen Regionen als der Stadt machen. Schwierigkeit dabei ist das Wohnen.

Was raten Sie Menschen über 50, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind?

Wir empfehlen wirklich dringend: Menschen über 50, 55 sollten schauen, dass sie nicht arbeitslos werden, sondern rechtzeitig ihren Job wechseln – und nicht erst über die Arbeitslosigkeit wechseln. Ich würde jedem raten: Suche dir einen neuen Job und lass dich nicht entmutigen, höre nicht auf zu suchen. Präventiv auch direkt am Arbeitsplatz, wenn etwas nicht passt, mit den Zuständigen sprechen und aus der Position heraus suchen. Es ist einfacher, aus der Arbeit heraus eine neue Arbeit zu finden.

Wenn Sie wirklich arbeitslos werden, gilt es zu besprechen, welche Qualifikation und welche Möglichkeiten Sie haben. Dann muss man individuell schauen, ob wir mit Eingliederungsbeihilfe, Joboffensive oder anderen Maßnahmen unterstützen können oder ob eine Umschulung notwendig ist. Das muss man sich individuell anschauen.

In welchen Branchen sind die Chancen derzeit gut?

Da gibt es immer zwei Perspektiven. Man kommt gut in Arbeit, wo es eine hohe Fluktuation und einen hohen Wechsel gibt. Das sind klassische Branchen wie Handel oder Tourismus.

Die zweite Perspektive ist: Gute Einstiegschancen gibt es dort, wo es um Qualifikation geht. Im IT-Bereich, als Ärztin, als Elektrotechniker, als Person mit einer bestimmten Ausbildung. Das muss nicht akademisch sein. Als HTL-Absolvent haben Sie nach wie vor beste Berufsaussichten.

Der dritte Faktor ist meine eigene Mobilität. Ich kann ein Studium im Chemiebereich absolviert haben, dann ist es vielleicht besser, ich gehe nach Oberösterreich oder woanders hin. In Wien bekomme ich in dem Bereich vielleicht keine Arbeit.

Es gibt also drei Faktoren: meine Ausbildung, die Branche und Region, in der ich arbeiten will, und meine eigene Mobilität.

Welche Rolle spielt Mut?

Sicher verlangt Veränderung Mut. Ich habe eine Frau kennengelernt, sie war 56, 57 und hat noch ihre Lehre als Köchin gemacht – in elf Monaten. Danach ist sie gleich nach Tirol gegangen. Köch:innen sind gefragt. Damit hatte sie gute Einstiegschancen. Es gibt auch Menschen mit Behinderungen, die sagen: Wir machen es jetzt selber, wir können das gut. Das verlangt sicher alles Mut. Aber gleichzeitig zeigt es uns, welche Fähigkeiten Menschen haben und was möglich ist.

Was ist Ihnen beim Thema Menschen mit Behinderungen besonders wichtig?

Man soll nicht immer gleichsetzen, dass der Grad eines Feststellungsbescheides oder ein Behindertenpass bedeutet, dass jemand nicht mehr arbeitsfähig ist. Eine 50-prozentige Einschränkung muss nicht heißen, dass jemand einen Job nicht machen kann.

Wir haben so starke Bilder in Österreich vom Alter und von Behinderung. Wir sollten Menschen und Unternehmen befähigen, spezifischer hinzuschauen. Es kann sein, dass ein Arbeitsplatz gerade für diese Person super ist. Technologie unterstützt inzwischen sehr. Hilfstechnologien können für Menschen mit Einschränkungen sehr hilfreich sein, sodass sie, wenn sie eine Aufgabe gefunden haben, die für sie gut passt, diese wunderbar ausführen können. Ich glaube, wir müssen lernen, mit diesen Themen umzugehen. Dann finden diese Menschen ihre Arbeitsmöglichkeit und ihren Platz im Arbeitsleben.

Warum ist Arbeit für Menschen so wichtig?

Man merkt bei Menschen mit Behinderung, wie entscheidend es ist, dass sie eine Arbeit haben. Es geht nicht nur um ökonomische Aspekte. Arbeit ist etwas sehr Sinnstiftendes. Sie prägt ein Leben ganz stark und gibt ihm Sinn, Struktur und Form.

Wir sehen ja, wie schnell der Krankheitsanteil bei langzeitarbeitslosen Menschen steigt. Arbeitslosigkeit macht Sie nicht glücklich. Oder gesünder. Ich glaube, es ist wichtig, Role Models beispielhaft vor den Vorhang zu holen, um Menschen zu motivieren, ihren Weg zu finden.

Was muss sich dafür gesellschaftlich verändern?

Da sprechen wir über die Unternehmen, die Einzelperson und das Umfeld. Wir sind da wirklich in einem kulturellen Umbruch. Ich habe kürzlich von einem Kollegen aus Dänemark gehört, der auf die Frage „Wer sind die Arbeitskräfte der Zukunft?“ geantwortet hat: „Die 60- bis 69-Jährigen und Migrant:innen“. Das sollte den Menschen in Österreich auch bewusst werden. Ich habe nichts gegen den 25-Jährigen. Aber Unternehmen sollten ihr Spektrum breiter fassen und überlegen: Wer sind diejenigen Arbeitskräfte, die wir gewinnen wollen? Wir als AMS versuchen zu diesem Bewusstseinswandel beizutragen. Wir befinden uns in diesem Prozess. Aber für ein Land mit ausgeprägt konservativer Haltung ist Veränderung in dieser Frage nicht einfach.

 

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